Predigt von Sonntag, den 22.03.2020 (Lätare)

Predigttext: Jesaja 66,10-14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt!
Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes;
denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
Denn so spricht der Herr:
Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.


Liebe Gemeinde,
„Lätare“ heißt dieser Sonntag – „Freuet euch!“ nach Psalm 84,2. Mitten in der Passionszeit, genau auf der Hälfte zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag, zwischen Fasten und Feiern, zwischen Bangen und Hoffen sollen wir uns freuen.

Zwischen Bangen und Hoffen: Das trifft so ziemlich genau die Stimmungslage, in der ich mich, in der vielleicht auch Sie sich befinden. Der bange Blick auf die Zahlen der Infizierten, auf die Summe derer, die inzwischen gestorben sind an diesem Corona-Virus. Es ist dieser bange Blick auf die Nachrichten, den ich mir nicht verkneifen kann, der ja auch nötig ist, werden doch auch wichtige Informationen mitgeteilt, wie ich mich verhalten darf, verhalten muss… – es ist dieser bange Blick, der doch gleichzeitig meine Verzagtheit steigert, mir die Ruhe nimmt, mich nervös und ängstlich macht. Inzwischen ermahnt mich meine Frau, ermahne ich mich selbst, wenigstens am Abend nicht zu spät zu viele Nachrichten zu lesen oder zu schauen. Dann lieber noch ein gutes Buch, eine schöne Musik – aber eben nicht noch mehr Horror-Meldungen.

Aber dann ist da auch die Hoffnung: Die, dass es doch hoffentlich so schlimm nicht kommen wird. Dass schließlich jeder und jede den Ernst der Lage kapiert und auf Abstand geht. Dass die medizinische Versorgung standhält. Dass wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder feiern können, ja, auch: Gottesdienst feiern können.
Und es gibt doch auch hoffnungsvolle Bilder: Von singenden Menschen auf Balkonen in Italien – und inzwischen auch hierzulande. Vom Beifall-Klatschen in den Straßen der Großstädte für die, die im Gesundheitssystem, aber auch in den vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens arbeiten, ihren Dienst tun und sich einsetzen – für uns alle!

Und trotzdem: Bin ich in diesen Tagen, bin ich an diesem Sonntag, an dem die Kirche wieder zu bleiben muss, bin ich zwischen Bangen und Hoffen in der Lage, mich zu freuen?

Auch der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja formuliert – wie der Name des heutigen Sonntags – diese Aufforderung: Freuet euch!
Diese Aufforderung des Jesaja führt uns weit zurück – vermutlich ins späte 6. Jahrhundert vor Christus. Die geschichtliche Folie ist keine Epidemie, aber jahrzehntelange Erfahrung von Krieg, Vertreibung, Exil – und schließlich Rückkehr in ein zerstörtes Land, in ein zerstörtes Jerusalem.
Nichts ist, wie es war. Die politische Großwetterlage hat sich gedreht: Nicht mehr die Babylonier sind am Drücker, sondern die Perser. Israel und Jerusalem sind keine funktionierenden Gemeinwesen mehr, sondern eine abhängige, darniederliegende Provinz. Die Rückkehrer müssen sich erst einmal neu arrangieren, sie müssen neu aufbauen.
Aber: Es gibt Jerusalem wieder. Es ist – ja – „auferstanden aus Ruinen“. Diese Stadt ist wieder lebendig. Und diese wiedergekehrte Lebendigkeit Jerusalems: an ihr – so Jesaja – soll man sich freuen, sollen andere sich, sollen am Ende wir uns freuen. Freuet euch mit Jerusalem!

Nichts ist, wie es war. Die Unbeschwertheit von vor vier Wochen: sie scheint mir eine Ewigkeit weit weg. Was gestern noch Normalität war, ist heute nicht mehr möglich. Und trotzdem: Freuet euch?
Doch es ist eben kein Sich-Freuen gemeint, wie wenn ich mich über einen gelungenen Faschingsscherz, einen schönen Tag auf den Skiern oder ein tolles Konzert gefreut habe. Freuet euch mit Jerusalem! – das heißt: sich freuen mit. Heißt: solidarisches Freuen – und Freude an der Solidarität.

Ich freue mich an der Solidarität und am Zusammenhalt, die ich in den letzten Tagen erlebe:
Daran, wie schnell der ganze Gemeindebrief von spontan zusammengetrommelten Gemeindegliedern an den beiden Kirchen abgeholt und in die Haushalte verteilt wurde.
Daran, wie Menschen ihre Antennen ausfahren und ihren jeweiligen Nachbarn Hilfe anbieten – gerade den älteren und gebrechlichen dort.
Und ich freue mich daran, wie Menschen miteinander – und mit mindestens anderthalb Metern Abstand – ins Gespräch kommen, sich Zeit nehmen für Gespräche. Ja, ich freue mich jeden Tag auf den Postboten und wechsle ein paar Sätze mit ihm: Menschenkontakt in Zeiten von Homeoffice.
Und ich freue mich solidarisch:
Mit allen, die solche Solidarität erfahren. Mit allen, die betreut werden. Mit allen, die gesund werden.

Nichts ist, wie es war. Auch das Gottesbild kommt in Bewegung. Sonst männlich und durchaus auch launisch, wird Gott hier fast einmalig in der Bibel als Frau, als tröstende Mutter beschrieben.
Und das will Gott, das will dieser Text: Uns trösten.

Der Text will uns trösten mit dem Blick auf eine Stadt, in der wieder Leben herrscht:
Eine Stadt, in der, anders als in diesen Tagen, Menschen zusammenkommen und verweilen.
In der Kinder und Mütter und Väter auch mit den Großeltern zusammensitzen, zusammenspielen und sich an der Gemeinschaft freuen.
In der Menschen, die gerade noch in Lagern oder auf der Flucht waren, eine neue Heimat, eine neue Hoffnung gefunden haben.
Eine Stadt, in der Frieden herrscht.

Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras.
Wir sehen heute eine Katastrophe – und sehen zugleich eine Wurzelbewegung der Solidarität. Anzeichen vielleicht für das, was kommen wird, was grünen soll – danach…
Amen.

Pfarrer Stefan Cohnen