04.05.20

Seelsorge

Seelsorge in Zeiten von Corona: Dorfrunden, Gartenzaun-Gespräche und lange Telefonate

© U. Rapp-Hirrlinger

Dekan Bernd Weißenborn nutzt gerne das Telefon für Seelsorgegespräche

© U. Rapp-Hirrlinger

Bei ihren Dorfrunden sucht Pfarrerin Sabine Nollek (l.) das Gespräch über den Gartenzaun.

Abstand halten, persönliche Kontakte wo immer möglich vermeiden – das ist eigentlich das Gegenteil christlicher Seelsorge. In Zeiten von Corona sind den Pfarrerinnen und Pfarrern keine Besuche bei Gemeindemitgliedern möglich und auch die Gespräche nach dem sonntäglichen Gottesdienst fallen weg. Trotzdem in Kontakt zu bleiben, stellt die Seelsorger vor große Herausforderungen. Sie fühlen sich traurig, hilflos und eingeschränkt, so ist zu hören. Denn sie wissen, dass vor allem alleinstehende Menschen derzeit noch dringender der Zuwendung bedürfen und die Kontaktbeschränkungen die Einsamkeit verstärken. „Auch für Pfarrerinnen und Pfarrer ist es schlimm, den Menschen nicht nahe sein zu können“, sagt Bernd Weißenborn, Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen. Umso wichtiger sei es, Seelsorge neu bedenken und andere Formen und Wege zu finden.

Weißenborn greift wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen im Kirchenbezirk deshalb derzeit weit häufiger zum Telefon, um etwa Geburtstagskinder anzurufen, oder er schreibt Karten. Die Telefongespräche dauerten heute länger als in anderen Zeiten. Dann hört er von Einsamkeit und dem Wunsch nach sozialen Kontakten, von Unsicherheit und Zukunftsängsten oder auch die bange Frage, wer einen im Krankheitsfall versorgt. „Oft gehen die Gespräche sogar tiefer als sonst, sind persönlicher.“

Für Weißenborn ist das Telefon kein Hindernis. „Auch am Telefon schütten Menschen ihr Herz aus, und ich kann Trost spenden“, ist er überzeugt. Und manch einer freut sich darüber, einfach nur ein bisschen zu plaudern. Dann reiche es, zuzuhören. Doch er gesteht: „Es fehlt mir kolossal, den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Für Seelsorge ist Nähe sehr wichtig. Menschen brauchen auch Berührungen. Dass uns dies verboten ist, ist bitter.“ Umso mehr schätzt er persönliche Begegnungen, etwa wenn er in der Stadt unterwegs ist. Diese Gänge, etwa auf den Wochenmarkt, mache er jetzt ganz bewusst.

Auch Stefan Cohnen hält mit seinen Gemeindemitgliedern überwiegend telefonischen Kontakt. Als Manko empfinde er, dass er noch nicht so lange Pfarrer in Oberesslingen sei. „Ich bin auch am Telefon oft ein Fremder.“ Wenn man sich kenne, öffneten sich die Menschen am anderen Ende der Leitung meist genauso wie im persönlichen Gespräch. Wenn er allerdings in der Wohnung eines Besuchten sitze, gebe es mehr Anknüpfungspunkte für ein Gespräch. „Ich sehe dann etwa, wie jemand lebt.“ Auch Cohnen beschreibt die derzeitige Situation für Seelsorger als bedrückend: „Es ist ein Elend, ich fühle mich schlecht, wenn die Begegnungen so radikal reduziert sind.“

Und nicht alles lässt sich gut am Telefon bereden. Sabine Nollek, Pfarrerin in Esslingen-Berkheim, setzt neben Telefonaten weiterhin vor allem auf die persönliche Begegnung – wenn auch mit dem gebotenen Abstand. Mehrmals in der Woche macht sie ihre teilweise mehrstündigen „Dorfrunden“. „Ich ziehe einfach los und begegne dann vielen Menschen, die im Garten sitzen, ihre Einkäufe und Besorgungen erledigen oder spazieren gehen.“ So komme sie zuweilen auch mit Menschen ins Gespräch, die sie noch nicht kenne. Manchmal macht sie auch gezielt Besuche, indem sie bei Gemeindemitgliedern klingelt und diese dann vor die Haustüre kommen. „Es sind dichtere Erfahrungen als manchmal sonst“, hat die Pfarrerin erfahren. Berufliche Zukunftsängste, existenzielle Sorgen aber auch die Einsamkeit vor allem älterer Menschen kommen dann zur Sprache.

Auch Jonathan Dörrfuß, Pfarrer der Verbundkirchengemeinde Baltmannsweiler und Hohengehren, berichtet: „Ich habe die seelsorgerliche Komponente von Spaziergängen entdeckt.“ Wenn er mit seinem kleinen Sohn Paul im Ort unterwegs ist, ergeben sich immer wieder Gespräche. Darin gehe es viel um die aktuelle Situation, die Belastung der Familien, die Homeoffice und Kinderbetreuung zugleich stemmen müssen, um Einsamkeit und Isolation.

Auch Dörrfuß telefoniert viel. Doch am Telefon fehlten nicht nur Gestik und Mimik, sondern auch die Zwischentöne, sagt er. „Das macht es viel schwieriger, Seelsorge zu leisten.“ Dies gelte vor allem für Trauergespräche vor Beerdigungen, die nur noch per Telefon und damit meist mit einer Person geführt werden, wo sonst vielleicht mehrere Angehörige mit dem Pfarrer zusammensitzen. „Die Seelsorge für die Angehörigen kommt zu kurz.“ Oft beschränke man sich dann auf Organisatorisches und die Biografie des Verstorbenen, sagt auch Weißenborn. „Wirklich in die Tiefe gehen kann man nicht. Umso wichtiger ist es, anschließend mit den Angehörigen Kontakt zu halten.“

Pfarrer Gunter Weiß aus Altbach beschreibt sich selbst als „Menschen, der von der Begegnung lebt“. Umso schwerer falle es ihm in der aktuellen Situation, sich am Telefon auf Menschen einzulassen, die er nicht sehe. Das gelte besonders für Trauergespräche. „Es bedrückt mich, dass ich nicht da sein kann. Seelsorge bedeutet für mich, mein Gegenüber mit allen Sinnen wahrzunehmen.“ Und nicht immer funktioniert es zu telefonieren. Jede Woche hat er früher eine hochbetagte Dame im Pflegeheim besucht. Weil sie nichts mehr hört, ist ein Anruf zwecklos. „Die Situation ist für uns beide schrecklich“, sagt der Pfarrer. Auch er setzt auf die „Gespräche über den Gartenzaun.“ Wie Weißenborn geht er gezielt auf den Markt um zu zeigen: „Ich bin noch da“. Und für den Dekan haben zudem Fürbitte und Gebet eine neue Bedeutung bekommen: „Viele Menschen bitten darum, dass man für sie betet.“