04.05.21

Kinderschutz

Kinderschutz ist der Kirche wichtiges Anliegen – Fortbildungen sensibilisieren Mitarbeitende

© U. Enderle

Konficamp des eje 2019: In der Kinder- und Jugendarbeit ist Kinderschutz zentral.

Wenn Kinder und Jugendliche Opfer sexualisierter Gewalt werden, stammen die Täter und Täterinnen fast immer aus dem nahen sozialen Umfeld wie Familie, Kindergarten, Schule, Vereine oder auch kirchliche Jugendarbeit. Grund genug für die Verantwortlichen im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen wachsam zu sein, das Thema sexualisierte Gewalt in den Kirchengemeinden und anderen kirchlichen Einrichtungen offensiv anzugehen. Sabine Maier, Pädagogische Leiterin der Kindertagesstätten in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen, und Lars Gildner, Sonderbeauftragter für Kinderschutz im Evangelischen Jugendwerk Esslingen (eje) haben nun die Verantwortlichen des Kirchenbezirks informiert. Neben allgemeinen Informationen gaben sie vor allem ganz detaillierte Hinweise, wie mit dem Thema umgegangen werden kann und wie sich Verantwortliche im konkreten Fall verhalten sollten.

Strukturen, die das Vorgehen festlegen, wenn jemand einen Verdacht äußert oder sich ein Opfer sexualisierter Gewalt meldet, seien entscheidend, meint Sabine Maier. Dies sei Teil eines Kinderschutzkonzeptes, wie es inzwischen jede Kita brauche, um überhaupt eine Betriebserlaubnis zu erhalten. Auch erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse werden zwingend von den Mitarbeitenden in Kitas und der Jugendarbeit verlangt. Das Problem dabei: „Nur der geringste Teil von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wird überhaupt angezeigt und verurteilt“, so Maier. Dennoch sieht sie trotz hoher Dunkelziffer eine abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter, wenn konsequent ein solches Dokument verlangt werde.

Maier ist jedoch wichtig, dass nicht nur in einzelnen Einrichtungen, sondern in den Kirchengemeinden allgemein ein Bewusstsein für Kinderschutz geschaffen wird. „Überall wo Beziehungen entstehen, gibt es ein Risiko, dass Vertrauensverhältnisse missbraucht werden“, sagt Kathrin Mildenberger, die als Jugendreferentin im eje, in den Kirchengemeinden Deizisau und Plochingen sowie dem CVJM Plochingen Jugendarbeit verantwortet.

„Das Wissen um sexualisierte Gewalt ist ein wichtiger Bestandteil der Prävention“, sagt Maier. Dazu müsse das Thema Kinderschutz im Alltag der Institutionen niederschlagen. Die Teams müssten sich etwa immer wieder mit der Frage auseinandersetzen, welches Verhalten noch angemessen sei und wo Grenzen verletzt würden. Eine „Verhaltensampel“ könne dabei helfen. Außerdem müsse die Frage „Wie reagieren wir in einem solchen Fall?“ immer wieder besprochen werden. Maier ermutigt Erzieherinnen Beobachtungen, die ihnen „komisch“ vorkommen, sofort bei der Kita-Leitung oder dem Träger anzusprechen. Auch Fachberatungsstellen seien gute Anlaufstellen. „Welche Unterstützung es gibt, darüber müssen die Mitarbeitenden in den Kitas jedoch Bescheid wissen.“ Erhärtet sich der Verdacht, sei es wichtig, nicht zu schweigen, sondern sich unbedingt externe Beratung zu holen. „Das kann man nicht intern regeln“, betont Maier.

Mit E.R.N.S.T. sind Handlungs- und Verhaltensempfehlungen überschrieben. Die Buchstaben stehen für: Erkennen der Anzeichen, Ruhe bewahren, nachfragen (aber nicht im Sinne von Detektivarbeit), Sicherheit herstellen und Täter stoppen und Opfer schützen. Gildner und Maier warnen davor, bei einem Verdacht auf eigene Faust zu ermitteln oder die Verdächtigten zu befragen. Vielmehr gelte es, Beobachtungen zu dokumentieren und sich dann externe Hilfe zu holen. Mit dieser Unterstützung könne dann entschieden werden, ob etwa das Jugendamt oder die Polizei eingeschaltet werden muss.
Immer wieder werden den Mitarbeitenden in den Kitas aber auch in der Jugendarbeit Fortbildungen zum Kinderschutz angeboten. Beim eje ist es Thema nicht nur in der Ausbildung der Hauptamtlichen, sondern auch in den Grund- und Aufbaukursen, die in den vergangenen zehn Jahren rund 500 Ehrenamtliche durchlaufen haben. „Vor größeren Aktivitäten wie etwa Freizeiten werden die Mitarbeitenden extra nochmals geschult“, erklärt Lars Gildner. Dabei werden auch Fallbeispiele besprochen, die auf die Lebenswelt der Jugendlichen abgestimmt sind. Im Gespräch könnten die Mitarbeiter dann erleben, wie andere solche Verhaltensweisen einschätzen. In den Freizeiten werde zudem jeden Abend der Tag besprochen – eine gute Gelegenheit Verhalten zu reflektieren. Häufig kämen so auch zufällige Beobachtungen zur Sprache.

Grenzen zu wahren und das Bewusstsein dafür, wo möglicherweise Gefühle von Kindern verletzt werden, gehört zu den Schulungen der haupt- oder ehrenamtlich Mitarbeitenden. Zudem müssen alle eine Selbstverpflichtung unterschreiben, die etwa einen respektvollen Umgang oder den Verzicht auf unnötigen Körperkontakt fordert. „Wir wollen nicht körperfeindlich sein, aber zu viel Nähe verhindern. Ziel ist ein Verhalten, das Übergriffe verhindert“, sagt Gildner. „Kinder sollen die Jugendarbeit als Schutzraum erleben“, betont der Jugendreferent.

Vor allem zurückhaltende, ruhigere Kinder laufen Gefahr, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Junge Menschen stark zu machen und zu ermutigen, nein zu sagen, ist deshalb ein wichtiges Anliegen der kirchlichen Jugendarbeit. Dazu gelte es, ihre Stärken zu fördern, Kinder und Jugendliche in Entscheidungen einzubeziehen und ihnen so eine Stimme zu geben, erklärt Mildenberger. Dazu braucht es laut Gildner starke Mitarbeiter. „Sie haben es nicht nötig, Kinder schwach zu machen.“