10.07.20

Jubiläum

Die Kantorei der Esslinger Stadtkirche wird 125 Jahre alt.

© U. Rapp-Hirrlinger

Uwe Schüssler in der Esslinger Stadtkirche

Seit 125 Jahren ist die Existenz eines Kirchenchors an der Evangelischen Stadtkirche St. Dionys in Esslingen verbürgt. Vermutet wird jedoch, dass schon vor mehr als 400 Jahren die Schüler der örtlichen Lateinschule zum Gesang in der Kirche verpflichtet waren. 1895 waren es dann zunächst Seminaristen des Esslinger Lehrerseminars, die den Gesang im Gottesdienst der Stadtkirche bestritten. Erst später habe sich der damals noch kleine Kirchenchor für andere Sänger geöffnet, sagt Kirchenmusikdirektor Uwe Schüssler, der als Kantor der Stadtkirche den Chor leitet. Die Studenten wurden mit 50 Pfennig für ihren Einsatz belohnt. Zunächst ein rein männlicher Chor, wurden mit der Zeit auch Frauen zugelassen. Damit konnte man auch vier- und mehrstimmige Werke singen. 1971 benannte sich der Kirchenchor in „Kantorei der Stadtkirche“ um.

Traditionell sind es die Kantoren der Stadtkirche, die die Proben leiten und den Dirigentenstab schwingen. Erst drei Chorleiter verzeichnet die Chronik seit dem Zweiten Weltkrieg – Zeichen für eine große Kontinuität. Ab 1946 war Hans-Arnold Metzger für den Kirchenchor verantwortlich. Sein Nachfolger wurde 1967 Werner Schrade. Seit 1989 und damit mehr als 30 Jahren leitet inzwischen Schüssler die Kantorei.

Bei seinem Amtsantritt sei das Durchschnittsalter sehr hoch, der Chor zahlenmäßig relativ klein und die musikalische Qualität eher gering gewesen, erinnert sich Schüssler. Um das Niveau zu heben, entschloss er sich zusammen mit dem Chorvorstand eine Altersgrenze von 65 Jahren einzuführen. Zudem gibt es bei Neuaufnahmen ein Vorsingen. Zwar betont Schüssler, dass die Sängerinnen und Sänger keine ausgebildeten Stimmen haben müssten. Dennoch sagt er: „Der Chor ist nicht offen für alle.“ Ein gewisses Niveau ist ihm wichtig. Es gelte jedoch vor allem, einen Ausgleich zu finden zwischen den unterschiedlichen musikalischen Fähigkeiten der Chormitglieder. „Denn ein Profichor zu werden, ist nicht das Ziel.“ Zudem achtet der Chorleiter bei der Zusammensetzung der Kantorei darauf, dass die verschiedenen Stimmlagen ausgewogen sind. Das Gewicht auf musikalische Qualität macht sich bezahlt. „Heute können wir immer wieder auch größere oratorische Werke aufführen“, erklärt Schüssler.

Derzeit besteht die Kantorei aus einem gemischten Chor von rund 60 Männern und Frauen im Alter zwischen 24 und 64 Jahren. Sie kommen aus der Stadtkirchengemeinde, aber auch etlichen umliegenden Orten. Nachwuchssorgen hat Schüssler keine. Dies ist auch der Jugendarbeit zu verdanken, der er und seine Frau Hanna große Aufmerksamkeit widmen. Immer wieder wechseln Sängerinnen und Sänger aus der Jugendkantorei in die Kantorei und tragen so zur Verjüngung bei. Es gehe jedoch nicht darum, den Chor zu vergrößern, betont Schüssler.

Gesungen wird ein breit gefächertes Repertoire von Werken des 16. Jahrhunderts bis zu Kompositionen der Gegenwart. Der Kirchenmusiker erinnert sich an etliche musikalische Highlights, darunter die Aufführung von Bachs H-Moll-Messe, aller sechs Kantaten des Weihnachtsoratoriums oder von Brahms‘ Requiem. Auch moderne Kompositionen etwa des langjährigen Stadtkirchen-Organisten Hans Georg Bertram kommen immer wieder zur Aufführung. „Damit setzen wir Kontrapunkte zu den alten Werken“, so Schüssler. Zudem müsse ein Kirchenmusiker heutzutage auch offen sein für Gospel, Jazz, Pop oder Rock, ist er überzeugt. Die Bandbreite reiche von Bach bis Duke Ellington. „Kriterium ist allein die Qualität.“

Im Zentrum der Aktivitäten der Kantorei steht neben den großen Konzerten vor allem das Singen im Gottesdienst und im Krankenhaus. Auch in der Konzertreihe „Stunde der Kirchenmusik“ in der Stadtkirche ist der Chor, der sich als Teil der Kirchengemeinde versteht, regelmäßig vertreten. Dass auch der gesellige Aspekt nicht zu kurz kommt, dafür sorgen Probentage, Probenwochenenden und der monatliche „Hock“.

Jubiläumsprogramm:
Die Corona-Pandemie hat alle Pläne für das Jubiläum der Kantorei zunichte gemacht. Die Chorproben werden erst im Herbst wieder beginnen. Man werde das Jubiläum nicht mehr extra feiern, sondern es -  wenn möglich – im Rahmen der Weihnachtsgottesdienste begehen, sagt Uwe Schüssler.