Themen-Predigt: Langeweile vom 23.01.2021

Liebe Gemeinde,

 

lässt sich über Langeweile kurzweilig nachdenken – oder gar: predigen? Ich weiß es nicht. Aber wir werden sehen. Oder vielmehr: hören.


Langeweile: Langeweile ist doch wohl in den Augen und Ohren der meisten ein unangenehmes Gefühl. Zu viel Zeit mit zu wenig Inhalt.


Wenn ich auf meine Lebenszeit schaue, dann dürfte Langeweile vor allem in meiner Kindheit und Jugend immer wieder aufgekommen sein. Stunden einer gefühlten Leere. Ein Wochenende, an dem nichts los war, kein gutes Buch zur Hand – und auf den damals drei Fernsehsendern lief auch nichts, was mich interessiert hätte.


Als ich dann eine Freundin und später Frau hatte – na: und spätestens als wir Kinder hatten, war Langeweile kein Thema mehr. Da konnte ich vielleicht einzelne Minuten zählen, in denen gerade mal nichts anstand, in denen so etwas wie Langeweile hätte entstehen können.
Und jetzt?


Gar nicht mit dem Ziel, diese Umfrage hier in der Predigt zu verwerten, habe ich gestern – natürlich online – meine 11.-Klässlerinnen und -Klässler gefragt, was denn ihr Highlight an diesem Wochenende sein würde. Worauf sie sich also freuen würden. Und die Antworten waren hauptsächlich die: „Ich weiß auch nicht.“ „Es ist ja gerade nichts los.“ „Ich werde mal mit meiner Freundin spazieren gehen.“ Diese Jugendlichen, diese fast schon jungen Erwachsenen tun mir leid. Es ist ja wirklich nichts los.



Und dass nichts mehr los ist, kann seltsame Blüten treiben: Ein Nordschleswigscher Pastor setzte unlängst die erfundene Geschichte in die Welt, ein Bestatter würde Verstorbene für soziales Miteinander vermieten. Denn dann könne man – als Bestattungsfeierlichkeit getarnt – mit 50 Leuten zusammenkommen und so das Versammlungsverbot umgehen. Schon bald haben sich tatsächlich die ersten gemeldet, die eine solche Gelegenheit nutzen wollten.


Man mag den schwarzen Humor dieses Pastors teilen oder nicht: Fraglos ist der Hunger nach Gemeinschaft, nach Abwechslung. Immer drängender werden die Fluchtversuche aus der Corona-Langeweile.



Das negative Bild der Langeweile findet sich schon früh auch in Schriften großer Denker. Blaise Pascal, Philosoph des 17. Jahrhunderts schrieb:
Nichts ist dem Menschen unerträglicher als völlige Untätigkeit, also ohne Leidenschaften, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuungen, ohne Aufgaben zu sein. Dann spürt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, sein Ungenügen, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Alsogleich wird dem Grunde seiner Seele die Langeweile entsteigen und die Düsternis, die Trauer, der Kummer, der Verdruss, die Verzweiflung. [. . .]
Das ist der Grund, dass die Menschen so sehr den Lärm und den Umtrieb schätzen, der Grund, dass das Gefängnis eine so furchtbare Strafe ist, der Grund, dass das Vergnügen der Einsamkeit unvorstellbar ist.

Die menschliche Unfähigkeit mit Langeweile umzugehen beschreibt dann im 19. Jahrhundert Sören Kierkegaard – und belegt dies quasi biblisch:


Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva erschaffen. Und von diesem Augenblick an war die Langeweile in der Welt und nahm zu im geraden Verhältnis zur Zahl der Menschen. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva zu zweien, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann wuchs die Menge der Menschen auf Erden, und sie langweilten sich en masse.


Um sich zu unterhalten, kamen sie auf den Gedanken, einen Turm zu bauen, so hoch, dass er bis in den Himmel ragte. Dieser Gedanke war ebenso langweilig wie der Turm hoch und beweist mit erschreckender Deutlichkeit, dass die Langeweile schon gesiegt hatte.

Nach Kierkegaard wäre die Langeweile eine Grundkonstante menschlicher Existenz. Und zugleich ihre beständige Geisel. Denn – so Pascal: Das Vergnügen der Einsamkeit ist unvorstellbar.
Ist es?


Allerdings wissen wir auf der anderen Seite von Menschen, die ausgerechnet die Einsamkeit gesucht haben: Wüstenväter und -mütter, frühchristliche Eremiten, die sich schon in der Antike existenziell mit der Langeweile auseinandergesetzt haben, indem sie sich ihr ausgesetzt haben. Was ihnen dabei gefährlich erschien, war nicht die gefühlte Ausdehnung der Zeit, die unser Wort „Langeweile“ besonders in sich trägt, sondern eine damit verknüpfte innere Ruhelosigkeit und Hektik, die nach Beruhigung oder Ablenkung ruft.


Diese rastlose Langweile, Leere und Verdrießlichkeit bezeichneten die Eremiten als „acedia“, auf Deutsch: Trägheit – eine der sieben Todsünden. Doch sie verstanden diese „dämonische Versuchung“ als Ansporn, aufs Neue ein langes Verweilen im Augenblick zu suchen, auf dass der eine Wandlung bringen möge. Deshalb lautet ein alter Väterspruch: „Geh, setz dich in deine Zelle. Sie wird dich alles lehren.“



Nein, auch hier wird die Einsamkeit nicht als Vergnügen vorstellbar. Aber in dieser Tradition gehört die Langeweile zu einem geistlichen Weg, der möglicherweise zur Erkenntnis führt: Zur Erkenntnis meiner selbst, zur Erkenntnis von noch mehr?


Wenn wir in unsere Gegenwart schauen, dann ist die Situation der Langeweile oftmals eine ganz fremde geworden: So viel zu arbeiten, so viel Zerstreuung, sei es durch Begegnung oder Veranstaltung, sei es durch Konsum, sei es durch die Medien, die inzwischen nicht mehr nur aus drei Fernsehprogrammen und einer Tageszeitung bestehen, sondern aus einem – ja – Überangebot rund um die Uhr und im Smartphone immer und überall verfügbar.



Doch nach Monaten der Einschränkung, nach erneuten Wochen eines harten Lockdowns verspüren viele so etwas wie Eingesperrt-Sein. Das Eremitendasein ist plötzlich gar nicht mehr so fern der eigenen Realität. Nur dass die Wüstenväter und-mütter dies selbst gewählt hatten. Wir aber sind hineingestoßen in diese Situation. Und sind dadurch herausgefordert, mit dieser Situation umzugehen, ohne dem Dämon der Trägheit zu erliegen.
„Geh, setz dich in deine Zelle. Sie wird dich alles lehren.“ So lautet die alte Weisheit. Aber will ich überhaupt alles lernen?


Langeweile heißt nun auch: Zeit haben. Zeit zum Nachdenken vielleicht. Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Vielleicht sich darüber klar zu werden, was denn überhaupt das Wesentliche ist. Und Zeit möglichweise wahrzunehmen, dass gerade die Zeit ein sonst so knappes Gut ist.
Der Philosoph Martin Heidegger formulierte in seiner Vorlesung vor gut 90 Jahren:
Warum haben wir keine Zeit? Inwiefern wollen wir keine Zeit verlieren? Weil wir sie brauchen und verwenden wollen. Wofür? Für unsere alltäglichen Beschäftigungen, deren Sklaven wir längst geworden sind. [. . .] Am Ende ist dieses Keine-Zeit-Haben eine größere Verlorenheit des Selbst als jenes Sich-Zeit-lassende-Zeit-Verschwenden.


Langeweile – Zeit haben: Vielleicht eine Chance, jetzt Zeit zu verschwenden. Auftauchen aus der sonst herrschenden Rastlosigkeit. Eintauchen in den Augenblick.
Meine Zeit steht in deinen Händen. (Ps 31,16a) Dieser Psalmvers gewinnt für mich vor dem beschriebenen Hintergrund noch einmal eine neue Bedeutung: Die Zeit muss nicht rasen. Sie darf stehen. Sie darf stehen bleiben. Und dabei könnte ich darauf vertrauen, dass ich gerade in solchen Momenten gleichsam stehenbleibender Zeit gehalten werde – und eben nicht ins Bodenlose falle.


Auch unsere christliche Tradition bietet uns Gelegenheiten, solche Momente stehenbleibender Zeit zu erfahren: Nicht allein in der Zelle eines Eremiten, sondern etwa beim Läuten der Glocken. Beim Lauschen auf die Klänge der Orgel. Oder auch dann, wenn die Gedanken abschweifen während einer langweiligen Predigt.


Vielleicht liegt gerade da ein Segen drauf. Amen.