Liebe Gemeinde,


der heutige Predigttext bezieht sich ausdrücklich auf das, was wir zuvor in der Schriftlesung (Mt 17,1-9) gehört haben. Ich lese aus dem 2. Petrusbrief im 1. Kapitel:


Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört
vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.




Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.

Liebe Gemeinde, Petrus war dabei. Er war zusammen mit Jesus, Jakobus und Johannes auf den Berg gestiegen. Oben angekommen aber geschah Wundersames: Es war, als ob ein Licht direkt aus Jesus selbst leuchten würde. Strahlend weiß wurden seine Kleider, so strahlend, wie es kein Mensch bewirken könnte.
Und mit einem Male waren da noch zwei anwesend oben auf diesem Berg: Mose und Elia. Petrus war erschrocken und fasziniert zugleich. Er war derart fasziniert, dass er den Augenblick festhalten wollte, ja, dass er Zelte bauen wollte für Jesus, Mose und Elia. Doch plötzlich zieht eine Wolke über diese Szene – und eine Stimme aus der Wolke sagte: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Den sollt ihr hören.
Petrus war dabei. Und was er da gehört und erlebt hat, muss unglaublich gewesen sein. Und unglaublich eindrücklich. So eindrücklich, dass die Geschichte in drei der vier Evangelien zu finden ist. Die Geschichte von diesem Strahlen, das von Jesus ausging. Diese Geschichte von einem Licht, das auch in dunklen Zeiten leuchtet. Wieder und wieder haben die ersten Christen diese Geschichte erzählt und weitererzählt. Auch dann noch, als Petrus schon lange tot war.



Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt. So schreibt der Autor des 2. Petrusbriefes. Und dieser Autor, das können wir heute sicher sagen, ist nicht Petrus selbst gewesen. Wohl erst knapp 100 Jahre nach dem Tod Jesu ist dieser Brief und damit unser Predigttext entstanden.
100 Jahre, in denen sich die kleinen christlichen Gemeinden in einer zum Teil feindlichen Umwelt behaupten mussten. 100 Jahre, in denen manche frühe Begeisterung zu erlahmen drohte. 100 Jahre, in denen die Geschichten von Jesus selbst Gefahr liefen, zu scheinbar ausgeklügelten Fabeln zu werden. 100 Jahre,  in denen die ursprüngliche Erwartung, dass Jesus bald wiederkommen und damit alles Elend und das Dunkel ein Ende haben würden, immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde.



Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.
Nach fast 2000 Jahren ist die Situation nicht anders: Die Geschichten von und mit Jesus rücken immer weiter in die Ferne, ins Fabelhafte. Und zugleich wird die Welt gerade auch in Zeiten wie den unseren
mit anderen Fabeln überschwemmt – oder wie das auch bei uns gebräuchliche griechische Wort heißt: mit anderen Mythen.
Was sind Mythen?
Mythen sind Göttergeschichten. Mythen erklären, warum die Welt so ist, wie sie ist. Mythen stellen durch Handlungen von Göttern dar, wie es dazu kam, dass etwa die Menschen Feuer haben oder warum ein bestimmter Herrscher an der Macht ist. Mythen erklären Geschichte in Form von Geschichten.
Mythen waren populär zu biblischen Zeiten. Nicht umsonst verbittet sich der Autor des Petrusbriefes den Vergleich der Jesusgeschichten mit ausgeklügelten Fabeln. Fabeln und Mythen kursierten in der Antike natürlich im Mittelmeerraum. Sie hatten viele Anhänger und offensichtlich waren auch einige Christinnen und Christen anfällig für solches Gedankengut.


Doch mal ehrlich: Wirkt nicht so manche Geschichte aus dem Leben und Wirken Jesu nicht ebenfalls wie eine Fabel, wie ein Mythos? Denken wir an die wunderbare Geburt – und an die himmlischen Heerscharen, die da unvermittelt in der Gegend von Bethlehem auftauchen. Oder wie Jesus den Sturm bedroht – und mit einem Mal Wind und Wellen sich beruhigen.


Wie wollten wir das erklären, dass die einen Geschichten, die von Jesus, wahr, während die anderen nur ausgeklügelte Fabeln, lediglich erfundene Mythen sind?
Nun gut: Petrus war dabei. So steht´s in den Evangelien – und so steht´s im 2. Petrusbrief: Wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. Doch was gilt ein solches Wort nach 2000 Jahren?



Mythen sind auch heute noch populär. Allerdings sind es im 21. Jahrhundert keine Götter mehr, die zur Welterklärung dienen, sondern andere, weltliche Mächte. Da geht es dann um Seilschaften, die in Hinterzimmern den Lauf der Welt bestimmen. Es geht um einzelne Mächtige, die vordergründig
menschenfreundlich erscheinen, doch im Hintergrund ihr eigenes Spiel spielen. Und immer wieder sind es die Juden, die herhalten müssen, wenn es darum geht, das Zustandekommen eines Unglücks, einer Katastrophe, einer Seuche zu erklären.
Fraglos ausgeklügelte Fabeln, die da gerade und vor allem im Internet Hochkonjunktur haben. Doch was könnten wir als Kirche Jesu Christi dagegen ins Feld führen, die wir doch selbst sonst mit Fabelhaftem nur wenige Probleme haben? Was ist anders an dem, was wir glauben, im Gegenüber zu dem, was andere für wahr ansehen?


Zunächst einmal könnten wir darauf hinweisen, dass die Geschichte und die Geschichten, auf die wir uns beziehen, eine uralte Tradition haben. Die Geschichte von Jesus auf dem Berg und von seiner Verklärung:
Sie zieht sich durch das Neue Testament und durch die Geschichte der ersten Christen hindurch. Und seitdem, seit 2000 Jahren wird diese Geschichte so weitererzählt, gehört sie zum Grundbestand unserer Geschichten, unserer Kultur, wird sie mal wortwörtlich, mal rein symbolisch oder gar psychologisch ausgelegt. Dieser Geschichte scheint eine besondere Kraft innezuwohnen, so dass sie unverändert und doch immer wieder neu zu uns sprechen kann.
Dem gegenüber haben die ausgeklügelten Fabeln, haben die Welterklärungsmythen eine relativ kurze Halbwertszeit. In jeder neuen Krise, angesichts jedes neuen Unglücks muss eine neue Fabel ausgeklügelt werden, die auf die aktuelle Situation angepasst wird. Nur eine Konstante haben diese Mythen: Immer gibt es Mächte, Menschen, Organisationen, denen die Verantwortung für die momentane Lage zugeschoben wird. Immer gibt es einen Sündenbock, der schuld ist, dass die Welt so ist, wie sie ist.



Und damit hängt das andere zusammen – wie ich finde: das entscheidendere, was unseren Glauben und unsere Geschichten auszeichnet: Es geht uns nicht um den Blick zurück. Wir schauen nach vorn.
Wohl beziehen wir uns auf dieses uralte Buch. Natürlich lesen wir, hören wir Sonntag für Sonntag
Geschichten aus grauer Vorzeit. Aber dabei geht es nicht in erster Linie darum, die Welt erklärt zu bekommen, sondern darum, für die Zukunft offen zu sein – oder zu werden.
Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.
Wir schauen nicht darauf, wer und wofür Schuld hat. Wir fragen, was wir jetzt tun können. Und lassen uns von der Hoffnung tragen: der Hoffnung, dass das Licht, das einst von Jesus auf dem Berg ausgegangen ist, dass dieses Licht auch den Kranken, den Pflegenden, den Ängstlichen, dass dieses Licht auch uns scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in unseren Herzen.     


Amen.