Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Offb 21,1-7)

Trostlosigkeit, liebe Gemeinde, Trostlosigkeit ist keine Option.

Dabei können wir uns die Situation der Gemeinden, an die der Seher Johannes seine Offenbarung richtet, trostloser nicht vorstellen. Diese christlichen Gemeinden liegen verstreut in Kleinasien. Hier sind es eine Handvoll Häuser, dort ein paar Familien. So ganz genau kennen wir heute die Zahlenverhältnisse damals nicht. Aber es sind kleine Gemeinden in einer ihnen wenig freundlich gesinnten Umwelt.
Denn um diese kleinen christlichen Gemeinden herum gibt es allerlei Religionen und Kulte. Kleinasien, die heutige Türkei, ist vor 1900 Jahren ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Unzählige Götter werden in den Städten Kleinasiens angebetet. Auch der Gott der Bibel hat seine Anhänger, vor allem freilich in den jüdischen Gemeinden, die sich ebenfalls hier finden – die allerdings argwöhnisch auf diese seltsamen Christen herabschauen, die in diesem einst hingerichteten Jesus von Nazareth meinen, den Messias zu erkennen.
Am bedrückendsten aber ist die Bedrohung durch den römischen Kult und den Staatsapparat. Nicht, dass die römische Götzenanbetung sonderlich anziehend wäre: Wer verehrt schon gerne einen Militärherrscher in der fernen Reichshauptstadt? Das Problem ist jedoch, dass der Staatsapparat das Bekenntnis zum Kaiser auf brutale Weise herauszupressen versucht. Im Zweifelsfall durch Folter oder indem vorzugsweise Christinnen und Christen in den Arenen den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden.
Zu diesen äußeren Bedrängnissen kommt schließlich noch hinzu, dass die christlichen Gemeinden nach innen oft uneinig sind, wie sie denn nun mit all der Bedrohung umgehen sollen. Und das droht einige Gemeinden schier zu zerreißen.
Ja, die Situation der christlichen Gemeinden damals in Kleinasien ist trostlos. Doch dagegen setzt Johannes seine Botschaft. Dagegen träumt er an. Dagegen schreibt er an. Denn Trostlosigkeit ist keine Option.

Wenn wir heutzutage als Gemeinde zusammenkommen, müssen wir keine Angst vor Verfolgung haben. Vielleicht sind wir nicht in jeder Glaubensfrage einer Meinung, aber wir müssen uns in unserer kirchlichen Praxis keine Sorgen machen.
Weswegen wir trotzdem voller Sorgen sein könnten – und auch sind. Corona macht uns Sorgen. Seit acht Monaten sind wir nun schon in ständiger Hab-Acht-Stellung. Wir versuchen uns und unsere Mitmenschen vor Ansteckung zu schützen, um gleichwohl fast jeden Tag neue Höchststände an Infizierten in den Nachrichten zu hören. Und selbst wenn wir niemanden kennen, der betroffen ist, so sehen wir doch die einschüchternden Bilder aus Pflegeheimen und Intensivstationen, so wissen wir doch um die katastrophale Situation in allzu vielen Ländern dieser Erde. Und noch ist der Impfstoff nicht da. Noch müssen wir weiterhin achtsam sein. Noch wissen wir nicht, wann sich das Leben – auch das Gemeindeleben – wieder normalisieren wird.
Und in diese Zeit hinein fällt dann auch noch die Trauer derer, die einen lieben Menschen verloren haben. Die dadurch einsamer geworden sind. Die womöglich gar nicht richtig Abschied nehmen konnten, weil die Bestimmungen einen solchen Abschied nur ganz reduziert und darum unvollständig zugelassen haben.
All das ist bedrückend. Aber auch den Trauernden, auch uns gilt die Botschaft des Johannes. Auch gegen unsere Trostlosigkeit träumt und schreibt der Seher an. Denn Trostlosigkeit ist keine Option.

Der Traum, den Johannes träumt, die Bilder, die Johannes sieht, sind nicht von dieser Welt.
Er sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Er schaut die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen. Er erkennt die Hütte Gottes bei den Menschen. Und dieser Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Das Erste ist vergangen. Wo vorher Verzweiflung war, ist nun Geborgenheit. Wo einst Einsamkeit herrschte, ist jetzt Gemeinschaft. Wo zuvor Tränen flossen, gibt es dann Trost. Weder Tod noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.

Den bedrängten christlichen Gemeinden einst will Johannes so Mut machen: Das Ausgegrenzt-Sein in den kleinasiatischen Städten wird nicht ewig gehen. Die Bedrohung durch den römischen Staatsapparat wird ein Ende haben. Die Gefahr der Spaltungen in der Gemeinde wird aufhören.
Denn all das mag den Moment regieren. All das kann das Leben in diesen Zeiten zur Hölle machen. Und Johannes tut die Sorgen nicht ab. Johannes ruft nicht dazu auf, das Elend zu ignorieren und die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Doch weder die anderen Religionen noch der römische Kaiser können am Ende dominieren. Am Ende, so die Botschaft des Johannes, am Ende liegt alles in den Händen Gottes. In den Händen des Gottes, der kommt und da ist, der bei den Menschen ist und die Tränen und den Schmerz nimmt.
Warum denn dann Trostlosigkeit? Trostlosigkeit ist keine Option.

Johannes träumt. Johannes schaut Bilder, die uns heute nicht notwendigerweise unmittelbar verständlich sind. Er malt Bilder von einem neuen Jerusalem, das wie eine geschmückte Braut für ihren Mann vom Himmel herabkommt.
Er zeichnet eine Hütte Gottes bei den Menschen. Er lässt den, der auf dem Thron sitzt, hören, dass dieser dem Durstigen von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst geben will.
Das sind Bilder, Sprachbilder, die den Menschen in den kleinasiatischen Gemeinden eingeleuchtet haben mögen. Es sind Bilder, die uns heute fremd sind, die aber sagen wollen: Es gibt eine Wahrheit hinter der sichtbaren Wirklichkeit.
Es gibt eine Hoffnung jenseits des Vorfindlichen und Greifbaren. Es gibt einen Trost, der über die Trostlosigkeit hinausweist.
Trostlosigkeit ist keine Option.

Und genau das ist die Botschaft des Johannes an uns heute: Weder sollen wir uns in ein Loch verkriechen noch sollen wir davonlaufen. Weder sollen wir die Gemeinde meiden noch uns in die Gesellschaft hinein auflösen. Weder sollen wir die Hoffnung fahren lassen noch den Kopf in den Sand stecken.
Vielmehr werden wir uns der Realität stellen. Wir werden die Trauer zulassen und unsere Sorgen formulieren. Wir werden erleben, dass nicht jede Träne gleich getrocknet wird und auch nicht jeder Schmerz sofort erstirbt.

Doch zugleich könnten wir uns von Bildern leiten lassen, die versuchen, Zuversicht zu schenken: Zuversicht für unser Leben – und möglicherweise sogar über dieses Leben hinaus. Wir könnten uns von Bildern leiten lassen, vielleicht auch von solchen, die nicht biblisch sind und die dennoch das ausdrücken, was auch Johannes mit seinen Bildern
sagen will: Du wirst getröstet werden. Denn Gott hat das letzte Wort. Amen.