Predigt vom 29. November 2020

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
mit diesem Einstieg in den heutigen Predigttext – und mit dem Lied „Tochter Zion“ ist geklärt, um was es heute geht: Es geht darum, dass wir uns freuen dürfen und sollen.
Ja, es ist eine Freude, dass wir wieder eine große Gruppe junger Leute hier bei uns haben, die sich miteinander auf den Weg machen in Richtung Konfirmation. Es ist großartig, dass Ihr da seid. Dass Ihr uns bereichert mit Euren Ideen, mit Eurer Lebendigkeit, mit Euren Fragen.

Und Ja: Es wird uns als Gruppe nicht leicht gemacht. Nach dem Einstieg mit unseren Treffen im Ertingerhaus vor den Herbstferien, begegnen wir uns seit den Herbstferien vor allem im Internet. Das ist alles andere als optimal. Und ich und wir werden schauen müssen, wie wir weiter vorgehen.
Das könnten wir beklagen. Überhaupt würde einem jeden und einer jeden hier wohl eine Menge einfallen, was gerade schwierig und beschwerlich ist. Aber die Überschrift über diesen 1. Advent ist eine andere: Tochter Zion, freue dich! Freue dich – denn es ist Advent. Es ist die Zeit des Ankommens.
Und dieses Ankommen können wir heute in einer doppelten Weise verstehen.
Gott kommt, der Messias kommt. Der Advent ist die Zeit der Vorbereitung auf sein Ankommen.
Und Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden kommt.
Klar, Ihr seid schon da. Aber heute mit dieser Vorstellung kommt Ihr noch einmal mehr ins Bewusstsein der ganzen Gemeinde. Und Ihr kommt vor. Indem Ihr sichtbar werdet, indem Eure Namen genannt werden, wenn Ihr Eure Bibeln überreicht bekommt.

Es ist Advent: Zeit der Freude – und Zeit des Ankommens, des Ankommens Gottes.

Wie das wohl ist, wenn Gott kommt: Darüber hatten wir uns auch im Kreis der Konfirmandinnen und Konfirmanden Gedanken gemacht. Wie es also ist, wenn Gott zu mir und in mein Zimmer kommt?
Dazu haben die Jugendlichen zunächst einmal ein Zimmer gezeichnet, gemalt. Die Ergebnisse sind auf den Kacheln zu sehen, die Ihnen und Euch vielleicht schon beim Hereinkommen aufgefallen sind.
Nachdem die Konfis noch eine Sitzgelegenheit für den Besuch ausgewählt hatten, stand die Frage im Raum: Was würdest Du Gott fragen, wenn er bei dir zu Besuch kommt? Eine Frage, die Du ihm gerne stellen würdest.

Und das sind die Fragen der Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Eine sehr dem Leben eines Schülers oder einer Schülerin angemessene Frage ist die:
Warum muss man etwas lernen und kann es nicht einfach so schon wissen?
Eine andere ist konkret auf die Kirche bezogen: Wie findest du den Umgang mit der Kirche heute?
Grundsätzlicher sind folgende Fragen an Gott:
Bist du von der Menschheit enttäuscht? Was hast du mit der Menschheit vor? Gibt es wirklich das Ende der Welt? Warum gibst du jedem Menschen so viele Chancen, auch wenn sie böse waren? Warum hast du für jeden von uns einen anderen Lebensplan vorgesehen? Warum müssen Menschen sterben?
Und einige der Fragen fasse ich so zusammen:
Warum gibt es so viel Angst und Gewalt? Warum so viel Ungerechtigkeit, so viel Krieg – Krieg auch wegen der Religionen? Und warum kannst du nichts dagegen tun?
Das sind Eure Fragen. Und es sind am Ende auch unser aller Fragen. Wir sehen die Welt, wie sie ist. Und wir ahnen, dass die Welt eine andere, eine bessere sein könnte.

Im Grunde genommen sind es diese Fragen, die schon von Anfang an die Menschen bewegen. Auch die Menschen der Bibel treiben diese Fragen um. Und zum Teil finden sie Antworten, bei denen wir dann schauen müssen, ob diese alten biblischen Antworten auch unsere Antworten sein können.

Wie ist das also im Falle unseres heutigen Predigttextes? Weil er so schön kurz ist, lese ich ihn noch einmal:
Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.
Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.
(Sach 9,9-10)

Erste Reaktionen von Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden in unserem Chat am Mittwoch waren: Klingt gut. Ja, schöner Text… Denn es geht um Frieden.

Genau: Es geht um Frieden. Dieser Freudenruf im Predigttext: Er wird ausgelöst durch die Hoffnung auf die Ankunft eines Königs, eines Friedenskönigs.
Man glaubt heute, den Text historisch ziemlich genau einordnen zu können. Vermutlich ist dieser Hoffnungstext genau in der Zeit entstanden, als sich tatsächlich ein großer König Jerusalem genähert hat: Es handelt sich um Alexander den Großen.
Der ist allerdings ganz und gar nicht friedlich unterwegs. Ein Heer nach dem anderen wird besiegt, eine Region nach der anderen wird erobert bei seinem gigantischen Feldzug durch ganz Westasien. Und natürlich erobert Alexander auf dem Weg von Griechenland nach Ägypten auch Israel. Der griechische König lässt Jerusalem jedoch links liegen. Einem seiner Feldherren kommt die Aufgabe zu, Jerusalem einzunehmen.
Doch unser Bibeltext ruft die israelische Bevölkerung nicht zu den Waffen. Im Gegenteil! Denn der erhoffte König, der, der da einmal ankommen soll: Er bringt Frieden und Gerechtigkeit.

Die Erfahrung von Krieg und Eroberung, Waffen, Soldaten und Gewalt: Das ist die Realität hinter unserem Bibeltext. Und auch die Menschen damals werden sich gefragt haben: Warum gibt es so viel Ungerechtigkeit, so viel Krieg?
Und ihre Antwort war nicht Verzweiflung oder Resignation, sondern die Hoffnung auf einen anderen König, auf einen, der in friedlicher Mission unterwegs ist. Und die Hoffnung auf einen Gott, der die Kriegswagen vernichtet und die Kriegsbögen zerbricht.
Die Antwort der Menschen damals in Jerusalem wird über die Hoffnung hinaus vielleicht auch die gewesen sein, das eigene Tun zu überprüfen. Zu schauen: Wo kann ich dem Frieden dienen? Zu überlegen: Was kann ich für eine gerechtere Welt tun?

Die Bibel – so ist das an ganz vielen Stellen – die Bibel gibt nicht nur Antworten auf unsere Fragen. Mindestens genauso oft gibt sie die Fragen an uns zurück. An uns als Gemeinde. An Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden:
Was tust Du für den Frieden?
Und da wird es dann nicht gleich um den Weltfrieden gehen – aber darum zu überlegen, wie ich mich, wie jede und jeder einzelne sich für ein gutes und friedliches Miteinander in der unmittelbaren Umgebung einsetzen kann. Auch in der Gemeinde, auch in der Konfi-Gruppe.
Verbunden mit der Hoffnung, dass Gott auf der Seite der Friedliebenden ist. Und er vielleicht sogar noch einen schickt, einen, der bei uns ankommt als ein Gerechter und als ein Helfer.

Warum gibt es so viel Ungerechtigkeit, so viel Krieg?
Eure Fragen, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, sind richtig und sind wichtig. Und wir werden diesen Fragen entlang gehen auf unserem Weg in Richtung Konfirmation. Aber nicht verzweifelt, nicht verzagt. Sondern voller Hoffnung. Und voller Freude.
Denn du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze!
Amen.