Predigt vom 2. April 2021

O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn.
Walt Kowalski, liebe Gemeinde, ist ein oft griesgrämiger Witwer. Er hat ein Problem mit Ausländern, vor allem mit denen, die in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen und aus Asien stammen. Und er hat ein Problem mit seinen Söhnen, die es scheinbar nur aufs Erbe abgesehen haben. Eigentlich bleibt ihm nur noch sein Hund – und sein Auto: Ein Ford Gran Torino.
„Gran Torino“: So lautet der Titel des US-amerikanischen Clint Eastwood-Films, der in diesem Jahr Abiturs-Prüfungsthema ist.
Mit der Zeit freundet sich Walt dann doch mit seinen asiatischen Nachbarn an – und erlebt, wie Thao und Sue, dem Sohn und der Tochter aus dem Nachbarhaus das Leben von einer Gang, von einer Bande schwer gemacht wird, die die beiden jungen Erwachsenen schikaniert und bedroht. Diese Gang schüchtert die Menschen im Stadtteil allerdings so ein, dass sich niemand traut, gegen sie Anzeige zu erstatten.
Als Sue jedoch von dieser Gang vergewaltigt wird, wird Walt aktiv. Nachdem er seinen Hund in Obhut gegeben hat, baut er sich vor dem Haus, wo die Gang mit gezogenen Waffen herumlungert, auf und provoziert sie. Als seine Bitte nach Feuer für seine Zigarette unerwidert bleibt, greift er demonstrativ in die Innentasche seiner Jacke. Da die Gangmitglieder befürchten, dass er eine Waffe zieht, nehmen sie ihn unter Beschuss. Doch er zieht lediglich sein Feuerzeug. Walt stirbt unbewaffnet im Kugelhagel, die Gangmitglieder aber werden dann endlich verhaftet.
Ein Mensch stirbt, wird ermordet.
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Im Film funktioniert das tatsächlich. Walt wird ermordet – und Thao und Sue haben jetzt Frieden. Dadurch, dass Walt sich opfert, vollbringt er, dass der Stadtteil, dass konkret diese beiden jungen Menschen in Frieden leben können. Bis… ja, bis sich vermutlich die nächste Gang bildet, bis die nächste Bande ihre Mitmenschen aus rassistischen oder raffgierigen oder ganz anderen Gründen unterdrückt, bedrängt, bedroht.
Wobei: Dieser Kreislauf der Gewalt, dieses nie enden wollende menschliche Zerstören ist nicht Thema dieses Films. Am Ende des Films bekommt Thao Walts Gran Torino vererbt – und die katholische Kirche Walts Haus.

Es ist vollbracht?
Für zwei Stunden Film ist es „vollbracht“. Und danach? Aber vielleicht ist ja genau das die Zeitspanne, in der wir so etwas wie Erlösung wahrnehmen können: Zwei Stunden. Und manchmal möglicherweise auch ein wenig länger.
Vier Stunden zum Beispiel.
Vier Stunden lang täglich öffnet sich die Zellentür von Julian Assange, dem wegen unbegründeter Anschuldigungen in Großbritannien der Prozess gemacht wird. Vier Stunden, in denen er Zeit hat für Telefongespräche, Körperhygiene, Spaziergang und alles andere, was nicht in der kleinen Zelle erledigt werden kann. Vier Stunden relativer Freiheit nach einer bereits 9 Jahre währenden Isolation.
Oder 16 Stunden.
16 Stunden soll ein schwerst an COVID19 erkrankter Mensch täglich auf dem Bauch liegen, damit die Lunge eine Chance auf Gesundung hat. 16 Stunden, in denen der Patient oder die Patientin gelagert, überwacht, betreut wird, damit die Lebenschancen steigen, damit diese Erkrankung überwunden werden kann. 16 Stunden, in denen immer mindestens eine Pflegekraft sich einsetzt, ununterbrochen anwesend ist und die Lebensfunktionen überprüft.

Erlösung – in Stunden bemessen. Immerhin! Und doch überschaubar, angesichts beispielsweise einer immer drängender werdenden Erwartung, dass wir doch bald von dieser Geisel der Pandemie erlöst sein mögen. Ein Jahr nun schon! Wir schaffen uns stundenweise Inseln der Erholung, mobilisieren Widerstandskraft gegen Depression und Zukunftsangst. Aber nichts scheint „vollbracht“. Wo bleibt sie: Die Erlösung? Die dauerhafte Erlösung? Und wer könnte sie bewirken?

Die Bibel erzählt nun nicht nur an einer Stelle davon, dass sich ein Mensch für andere einsetzt, ja, für andere hingibt, damit diese Erlösung erfahren. Staunend und bisweilen ehrfürchtig zitiert der Prophet Jesaja Menschen aus seinem Umfeld im 53. Kapitel. Er schreibt:
Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Herrn offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird;
und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Aber der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit.
(Jes 53,1-10a)
So die Menschen in Israel vor 2500 Jahren – zitiert von Jesaja.

Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Generationen von Bibelleserinnen und Bibellesern, von Theologinnen und Theologen rätseln seitdem, wer denn der ist, der da wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde, da er für die Missetat seines Volks geplagt war.
Ob hier von einem einzelnen Menschen die Rede ist oder gar vom Volk Israel: Wir wissen es nicht. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen: Weit geholfen hat´s nicht. Auch danach sind Menschen über Menschen hergefallen, haben Kriege, Hungersnöte und Seuchen ganze Völker heimgesucht. Und nach wie vor gehen wir alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sieht auf seinen Weg.
Erlösung? Fehlanzeige. Wenn, dann nur in Etappen. Stundenweise. Und vielleicht auch einmal ein wenig länger. So wie einst durch den sogenannten Gottesknecht im Jesajabuch, so wie nun im Film durch Walt Kowalski. So nehmen wir Erlösung wahr. Können sie nicht anders wahrnehmen in einer unerlösten Welt.

Und doch gibt es da noch etwas jenseits unserer Erlösungswahrnehmungen.
Da gibt es zum einen die Hoffnung, dass der Mensch, der sich für andere einsetzt, für andere hingibt, gleichwohl eine Art Belohnung haben wird:
Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. (Jes 53,10b-11a)
So heißt es schon zu Jesajas Zeit. Am Ende darf nicht alles nur Leiden gewesen sein.

Und zum anderen gibt es nicht allein unsere menschliche Sicht, sondern darüber hinaus die Perspektive Gottes. Der kommt auch bei Jesaja zu Wort und sagt im Anschluss an das, was die Menschen sagen:
Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. (Jes 53,11b)
Und Jesus, dieser göttliche Mensch, dieser menschliche Gott – er sagt: Es ist vollbracht.

Nein, ich kann´s nicht erkennen. Aber ich will´s hoffen, ich will auf Gottes Wort vertrauen: Nicht nur vorübergehend, nicht nur stundenweise wird uns Gerechtigkeit, wird uns Erlösung widerfahren. Entgegen aller menschlicher Erfahrung.
Wir warten!
Amen.