Am Abend, als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um den Toten damit zu salben. Ganz früh am Sonntagmorgen, als die Sonne gerade aufging, kamen sie zum Grab.
Unterwegs hatten sie noch zueinander gesagt: »Wer wird uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?« Denn der Stein war sehr groß. Aber als sie hinsahen, bemerkten sie, dass er schon weggerollt worden war.
Sie gingen in die Grabkammer hinein und sahen dort auf der rechten Seite einen jungen Mann in einem weißen Gewand sitzen.
Sie erschraken sehr. Er aber sagte zu ihnen: »Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus aus Nazaret, der ans Kreuz genagelt wurde. Er ist nicht hier; Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Hier seht ihr die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten.
Und nun geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: ›Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, so wie er es euch gesagt hat.‹«
Da verließen die Frauen die Grabkammer und flohen. Sie zitterten vor Entsetzen und sagten niemand ein Wort. Solche Angst hatten sie.
(Mk 16,1-8)

Liebe Gemeinde!
Sie erschraken sehr, als sie da mitten in der Nacht bei ihren Schafen lagen und schliefen und plötzlich eine lichte Gestalt am Himmel auftauchte. „Habt keine Angst!“ – so sprach damals eine Stimme zu den Hirten. Dann erzählte diese Stimme das, was wir heute Weihnachten nennen: Ein Kind, ein Neugeborenes, ein Leben voller Zukunft und Möglichkeiten!
Sie erschrecken sehr, als sie in der Morgendämmerung an Jesu Grab kommen, dem Toten eine letzte Ehre erweisen wollen und plötzlich ein junger Mann in weißem Gewand dasitzt. „Habt keine Angst!“ – so spricht er die Frauen an. Dann erzählt er das, was wir heute Ostern nennen: Ein leeres Grab, kein Verstorbener, Zukunft trotz des Todes!
Wir Menschen erschrecken oberflächlich oder tief in uns drin: Da schleicht sich der Sohn, der noch gemütlich schlief, als ich das Bett verließ und mich ans Schreiben dieser Predigt machte, leise von hinten an und erschreckt mich. „Ups!“ – ein kleines Zusammenzucken, lachender Erfolg für den Sohnemann, schnell vorbei. Doch manchmal im Leben sagt jemand einen Satz, der uns im Innersten erschüttert. Ein Satz, der uns so erschreckt, dass Körper und Seele sofort dichtmachen und die Nachricht nur niedrig dosiert zulassen, um uns vor ihrer Wucht zu schützen.
Lese ich im Duden nach, woher das Wort „erschrecken“ eigentlich kommt, dann lerne ich: Im 11. Jahrhundert gab es im Althochdeutschen das Wort „scricken“, und das bedeutete „aufspringen“, daraus wurde „erschrecken“: Wer erschrickt, springt auf, der eine mehr, die andere weniger, wir kennen es alle, dieses Springen oder Zusammenzucken.
Beides Mal, bei Jesu Geburt und bei seinem Tod, erschrecken Menschen. Beginn und Ende des Lebens, beides ist zu groß für uns, um es zu fassen, um es einfach schrecklos hinzunehmen. Die Geburt eines Kindes bereitet der Gebärenden große Schmerzen, das ist erschreckend – jedenfalls war es das für mich. Und als in der Trauergruppe zu uns anderen ein Mann dazustieß, dessen Frau unter der Geburt ihres dritten Kindes starb, waren nur fassungslose Blicke zu sehen: „Was? In Deutschland? Im 21. Jahrhundert?“ Gott sei Dank geht es meist anders aus: Nach dem Schmerz ist da plötzlich ein kleiner Mensch, eine Verheißung von Zukunft, Feier des Lebens. Der Schrecken der zurückliegenden Stunden legt sich. Ganz anders am Ende des Lebens: Der Tod ist Abbruch von Zukunft, gemeinsam gegangene Wege trennen sich am Grab eines Menschen unweigerlich. Dem Tod voraus ging ein großer Schmerz, sei es durch äußerliche Gewalt wie bei der Kreuzigung Jesu, sei es durch die innere Gewalt einer Entzündung, einer Blutung, eines Tumors. Irgendwann sitzt der Schreck über diese Geschehnisse jedem lebendigen Menschen in den Knochen und im Nacken – den einen früher, den anderen später.
Sie erschraken sehr, die Frauen, nicht jedoch über den Tod, den sie erwartet hatten, sondern über das Leben, das sie nicht für möglich hielten – posthumes Leben! Sie erschraken, weil hier etwas geschehen war, das sich ihrem Auffassungsvermögen entzogen hatte. Sie erschraken, weil ihnen klar wurde, dass die Schönheit des Glaubens nicht mit menschlichen Möglichkeiten messbar war.
So erschrocken lese ich die Ostergeschichte und höre den jungen, weiß gekleideten Mann, der den Frauen sagt: „Habt keine Angst!“ Höre den Engel, der den Hirten auf dem Felde zuruft: „Fürchtet euch nicht!“. Höre die Worte und wünsche mir, die Boten Gottes sagten es für mich und dich, jetzt, hier, Ostern 2021. Wir Menschen erschrecken, über Diagnosen und Geschichten, über die Pandemie und ihre Folgen, das brauchen wir gar nicht erst versuchen, kleinzureden. Und drum übe ich, mit euch, mit allen Menschen guten Willens, übe den Glauben, dass der fromme Wunsch Wahrheit ist: Er ist erstanden, Halleluja. Schönheit des Glaubens, des Lebens – höher als alle Vernunft. Amen.