Predigt zu Jesaja 58,1-9 – Estomihi 14. Februar 2021


Liebe Gemeinde,


da strengt er sich in der Firma an, einen guten Job zu machen. Der Chef ist ja auch ganz nett, doch dass er viel und der Kollege wenig leistet, scheint kaum gesehen zu werden. Ab und an ein „Danke“, hier und da ein Lob, das war´s. Da strengt sie sich an, den Kindern eine gute Mutter und den alten Eltern eine gute Tochter zu sein, nebenbei der Beruf und, ach ja, der Ehemann. Schon okay, doch manchmal die Frage: Sieht eigentlich jemand, was ich da tagtäglich wegarbeite?
Da strengen wir uns an, Abstände zu halten, MNS, Lockdowns und Home-all-inclusive ohne Murren mitzutragen, und müssen uns doch immer noch anhören, dass es alles nicht reicht, um der Pandemie ein Schnippchen zu schlagen, und kein gewählter Vertreter, der uns auf die Schultern klopft und sagt: „Du, danke, dass du dich so anstrengst, finde ich prima!“


Ahnt jemand, worauf ich hinauswill? Jesaja sagt: „2Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.
3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?“


Aha, was heißt das säkular übersetzt in Bezug auf die Schokolade, die ich ab Mittwoch mal wieder für ein paar Wochen im Schrank lasse: Dass für mich etwas dabei rausspringen soll – so sieht´s aus! Und sei es nur die Einbuße von ein paar Kalorien und damit eine vorteilhafte Linie. Oder ganz fromm gesprochen: Dass Gott mich sieht, wie treu ich in der Fastenzeit keine Süßis in mich reinstopfe.
Okay, und dann? Soll er mir vielleicht auch noch eine Gutschrift überweisen, die ich als Verkürzung beim Fegefeuer, an das ich ohnehin nicht glaube, einlösen kann? Und wenn ich schon auf die Linie achten möchte, dann wäre es in meinem konkreten Fall sinnvoller, die Zahl der Kalorien zu erhöhen als sie zu reduzieren.


Wieder Jesaja: „Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?“


So, damit wäre geklärt, dass wir gerne fasten dürfen mit diesem und jenem, so lange wir nur nicht glauben, beim Schöpfer persönlich damit einen Vorteil für uns rausschlagen zu können. Doch warum dann? Nun komme ich auf die eingangs erwähnten Beispiele zurück: Warum sich anstrengen, im Job, in der Familie, in der Pandemie? Natürlich ist es gut, einander „Dankeschön!“ zu sagen für gute Arbeit, für menschliche Zuwendung, für Geduld in anspruchsvoller Zeit – doch mich von diesem „Dankeschön“ abhängig machen, nein, das möchte ich nicht. Und da werde ich jetzt konkret, was das Wort „intrinsische Motivation“ bedeutet: „Intrinsisch“, das heißt, von innen her, aus eigenem Antrieb. In dem Augenblick, in dem ich den Verdacht und die Befürchtung hatte, an Corona erkrankt zu sein, da brauchte es kein Gesundheitsamt mehr und kein Ordnungsamt, das kontrollierte, ob ich denn mit den meinen auch brav zu Hause bin. Die Vorstellung, wissend zu riskieren, andere mit dieser überhaupt nicht harmlosen Erkrankung anzustecken, war in solchem Maße abschreckend, dass meine innere Motivation über die Maßen ausreichte, das Not-Wendige zu tun. Schlimm genug, nicht wissend das fiese Krönchen weitergegeben zu haben. Im Großen gesprochen: Muss uns denn wirklich Jens Spahn auf die Schulter klopfen und uns loben, wenn wir uns fleißig die Hände waschen? Und müssen wir ihm auf die Schulter klopfen, wenn dann demnächst nennenswerte Mengen Impfstoff im Land verteilt werden? Noch einmal: Das Wort „Dankeschön!“ ist ein wundervolles Wort, gesprochen und gehört – doch wenn unser Tun und Lassen nur davon abhängig ist, dieses Wort möglichst oft zu hören, dann haben wir ein Problem. Und wenn es uns umgekehrt gelingt, in uns drin zu klären, wofür wir stehen wollen, was uns im Kern am Herzen liegt, dann kann geschehen, was Jesaja im Namen Gottes als das wahre Fasten bezeichnet – Jesaja ruft den Menschen, ruft uns zu:
„Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe, nämlich: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass heraus, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“


Entzieh dich – so übersetze ich mit Albert Schweitzer – nicht der Tatsache, dass du Leben bist, das leben möchte, inmitten von Leben, das leben möchte. Ein herausragender Satz eines herausragenden Menschen – und zugleich ein Satz für unseren Alltag. Wir müssen keine Helden sein, nicht die Welt retten und auch nicht den Pandemiewächter spielen – es reicht schon, von innen motiviert nach außen zu gehen und im je eigenen kleinen Wirkungskreis aufmerksam und liebevoll die eigene Arbeit zu verrichten, die naheliegende Verantwortung gut zu bedenken und zu beherzigen. Dann – jetzt kommt doch noch der Eigennutz – wird etwas geschehen, was ich als inneren Frieden bezeichnen möchte: Nach innerem Frieden fühlt es sich nämlich an, Dinge zu tun, weil man sie selbst für notwendig hält und nicht, weil man insgeheim hofft, das Bundesverdienstkreuz zu bekommen. Falls dann doch mal der Bundespräsident einlädt, weil er einem dieses Kreuz verleihen möchte, nun, dann nehmen wir das natürlich auch dankbar an und sagen, wenn er uns postpandemisch die Hand reicht in aller schwäbischen Demut und Bescheidenheit: „S´wär aber et nedig gwäsa!“


In diesem Sinne soll der Aschermittwoch in Frieden kommen. Wieder einmal werde ich um den Schokoladenschrank herumschleichen und in Selbstmitleid versinken. Wieder einmal werde ich mir einreden, dass das eine ganz tolle Leistung von mir ist, nicht zuzugreifen. Und wieder einmal wird mich diese Zeit das Lachen über mich selbst lehren. So unterschiedlich wir Menschen sind, unsere Situationen sind, so gemeinsam ist uns doch unsere Endlichkeit und unser Bedürfnis, gesehen zu werden – zwischenmenschlich gelingt das am einen Tag und am anderen nicht. Darüber hinaus verspricht uns Jesaja, dass wir seit jeher Gesehene sind und uns allen gemeinsam die Zusage Gottes ist, der spricht: „Hier bin ich!“

Amen.