Themen-Predigt zur Macht des Wortes am 20.02.2021 von Stefan Cohnen

Im Anfang war das Wort.


Liebe Gemeinde,


so beginnt – wir haben es gerade gehört – das Johannesevangelium. Zumindest in den uns gebräuchlichen Übersetzungen.Diese Übersetzung ist nicht unumstritten. Wer ein Faible für Klassiker der deutschen Literatur hat, der und die weiß, dass Goethes Faust, kurz bevor sich der Pudel in einen Teufel verwandelt, eben über dieser Zeile sitzt, um sie aus dem Griechischen zu übersetzen.


Geschrieben steht: im Anfang war das Wort!
Hier stock’ ich schon!
Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort
so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: im Anfang war der Sinn.


Nun, Faust arbeitet sich noch durch verschiedene Übersetzungsideen hindurch und gelangt über „im Anfang war die Kraft“ schließlich zu „im Anfang war die Tat“.
Die „Bibel in gerechter Sprache“ wiederum übersetzt – durchaus berechtigt und die gesamte Bibel im Blick – „am Anfang war die Weisheit“.
Mir scheint allerdings, dass – gegen Faust – das Wort nicht hoch genug geschätzt werden kann, und denke, dass es doch das Wort ist, das am Anfang steht:
Das schöpferische Wort, das auch ganz am Anfang der Bibel und – ihr zufolge – am Anfang allen Seins ist. Das machtvolle Wort, das freilich nicht allein eine gestalterische, sondern auch
eine zerstörerische Kraft entfalten kann.


Es ist ein Kennzeichen der drei abrahamitischen Buchreligionen, dass wir an die Kraft des Wortes glauben. Und zugleich wird diese Kraft auch in unseren Breiten immer wieder unterschätzt:
Regelmäßig komme ich in meinen Oberstufenklassen auf die Frage, wie sie es mit der inklusiven Sprache halten. Ob sie also der Meinung sind, dass es ausreicht von „Schülern“ und „Lehrern“ zu reden, oder ob nicht ebenso von „Schülerinnen“ und „Lehrerinnen“ gesprochen werden sollte.
In den letzten Jahren ist diese Frage noch komplexer geworden: Denn mehr und mehr ist in den Blick gerückt, dass sich die Menschheit nicht nur in männlich und weiblich aufteilen lässt. So konnten wir zum Beispiel die Organistenstelle an der Martinskirche tatsächlich männlich wiederbesetzen, ausgeschrieben war sie für „männlich, weiblich, divers“.
Sprachlich begegnet uns entsprechend immer öfter das sogenannte Gender-Sternchen, das sich beim Sprechen durch ein kurzes Absetzen deutlich macht: „Schüler*innen“ liest sich das dann.
In meinen Oberstufenklassen hinterlässt diese Frage nach inklusiver Sprache immer ein sehr geteiltes Echo. Ein paar wenige halten diese sprachliche Entwicklung für sinnvoll, ein großer Teil findet sie unnötig.


Ich versuche dann immer auch zu vermitteln, dass – ganz biblisch – Sprache Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern auch schafft. So wie Gott durch das Wort Himmel und Erde schafft, so schaffen auch wir dadurch, dass wir die Menschen in den Blick nehmen, die sonst unhörbar und unsichtbar bleiben, eine Wirklichkeit, die eben diesen Menschen gerechter wird.
Und darüber hinaus: Erst wenn die weibliche Hälfte der Menschheit sprachlich überhaupt vorkommt, wird sich auch das Ideal des gleichen Lohns für gleiche Arbeit durchsetzen können.  


Am Ende geht es um Macht. Und unsere Worte haben Macht. Sie haben die Macht, die Wirklichkeit zu bestimmen. Deshalb ist es wichtig darauf zu hören, wie die diese Wortmächtigkeit wahrnehmen, die darunter leiden, die es nicht schaffen, in unserer Sprache, in unseren Worten vorzukommen – oder erst so langsam dabei sind.


Die Machtfrage stellt sich bei Weitem nicht nur im Blick auf eine geschlechtergerechte Sprache. Und deshalb muss es uns auch darum gehen, die zu hören, die unter dem Rassismus in unserer Sprache leiden.
Zuletzt war dies Thema anlässlich einer entgleisten Talkshow im WDR-Fernsehen, bei dem sich ausschließlich nicht-betroffene Männer und eine Frau darüber ausließen, dass es ja wohl noch möglich sein müsse – ich sage dieses Wort nun noch ein letztes Mal – „Zigeunerschnitzel“ zu sagen. Kein Sinto, kein Rom wurde gefragt, wie es ihm mit dem Z-Wort geht, das vor 80 Jahren den Angehörigen dieser Volksgruppe in den Konzentrationslagern in die Haut gebrannt wurde.


In der Folge der Diskussion rund um diese Talkshow habe ich in dieser Woche das Buch „Gegenwartsbewältigung“ von Max Czollek gelesen. Er analysiert die jüngere Geschichte Deutschlands
bis in die Gegenwart hinein aus der Sicht der migrantischen, der nicht-deutschen Deutschen. Er analysiert die deutsche Geschichte anhand der Ereignisse, die geschehen – und anhand der Worte, die gefallen sind.


Und so kann er eine Linie ziehen, in der der Rassismus immer sichtbarer wird, immer tödlicher wird für Menschen mit Migrationsgeschichte, bis dahin, dass eine rechtsradikale Partei in die deutschen Parlamente einzieht, die den Schrecken des Nationalsozialismus kleinredet, und gestern vor einem Jahr neun Menschen einem rechtsextremistischen Terroranschlag zum Opfer fielen.


Wenn wir migrantischen Deutschen zuhören, dann hören wir, wie schmerzhaft es für sie ist, dass unsere Sprache nach wie vor rassistisch getönt ist, und dass sie nicht in dem Maße Schutz und Solidarität erfahren
wie nicht-migrantische Deutsche.
Max Czollek stellt die Morde von Hanau und die kurz danach verhängten harten Maßnahmen gegen die Pandemie nebeneinander und stellt fest:
„In jenen Monaten des Jahres 2020, in denen der Staat seinen Subjekten einen Weg in die solidarische Isolation wies, wurden wir alle zu Kompliz*innen eines Systems, das manche Menschen verrecken lässt
und andere nicht.“


Zum Glück bleibt der Autor nicht bei dieser zugegeben schwer verdaulichen Analyse stehen, sondern entwickelt eine Idee des Sich-Verbündens über alle gesellschaftlichen Binnengrenzen hinweg.
Eine Idee, die mich wiederum an die Praxis Jesu erinnert, der auf die am Rande der Gesellschaft zugeht, sie hört und mit ihnen neue Perspektiven eröffnet.


Im Anfang war das Wort.
Das schöpferische Wort, das machtvolle Wort, das nicht allein eine gestalterische, sondern auch eine zerstörerische Kraft entfalten kann.
Es ist an uns, dieses Wort zu hören: das Wort Gottes – und das Wort der Menschen, die hier mit uns leben,
auch und gerade das Wort der Menschen, die an den Rand gedrängt werden.


Es geht immer und immer wieder um einen Lernprozess. Wir lernen. Lernen, welche Macht Worte haben.
Lernen, welche Worte welche Macht haben. Wir lernen – in Anlehnung an den 1. Psalm, indem wir über das Wort Gottes nachsinnen, es murmeln, bedenken, meditieren, kauen.


Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig (Ps 119,103) heißt es in einem anderen Psalm.
Möge das Wort Gottes so schmecken. Doch was wir an bitteren, an für andere unappetitlichen Worten im Munde führen, das sollten wir ausspucken.
Wer so tut, ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl. (Ps 1,3).


Amen.