Predigt vom 6./7. Februar 2021

Vom vierfachen Ackerfeld - Lukas 8, 4 – 15

 

 

Liebe Gemeinde!

Aus dem Leben seiner Hörerinnen und Hörer genommen: Saat, die aufgeht, und Saat, die nicht aufgeht: das kennen sie. Erfolg und Misserfolg; Glück und Scheitern; Fülle und Leere.
Sicher, die Rede von hundertfacher Frucht: das geht weit über ihren Alltag hinaus, das übertrifft alle Erwartungen.
Aber daneben stehen die drei Viertel, die keine Frucht bringen. Alltag der Hörerinnen und Hörer.


Gleichnisse handeln vom Reich Gottes; so steht es auch hier, und hier noch einmal in der Erklärung des Gleichnisses: vom Wort Gottes. Und hier wird es spannend:
Das Wort Gottes hat eben nicht überall Erfolg, nicht einmal bei der Hälfte der Saat!


Das ist ja auch die alltägliche Erfahrung der Jünger und Nachfolger Jesu:
Einmal reden sie – und der Funke springt über; ein andermal bleibt eine große Leere und Fremdheit.
Einmal hören sie Gott und sie sind in Glanz und Fülle; ein andermal sind sie wie taub: leer und einsam.


Und das Gleichnis schildert: das darf so sein!
Wie Gottes Wort auch einmal erfolglos ist, so darf es auch unser Predigen und unser Hören auf eine Predigt sein.



Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Text aus Jesaja 55, der auch für diesen Sonntag Predigttext ist:
Gott spricht: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird  nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“
Wieder ein Bild aus der Landwirtschaft: Aber diesmal nur die eine Seite: der Erfolg! Gott wirkt und setzt sich durch.


Und von da aus geht eine Linie ins Neue Testament:
So heißt es in Matthäus 28: „Machet zu Jüngern alle Völker“: Eine Aussage, die eindeutig ist: alle Völker: das ist das Ziel, darauf sollen wir wirken: alle Völker: alle.
Und Paulus wollte das Evangelium nach Spanien bringen: dass es komme bis ans Ende der Welt: auch so eine Perspektive von: alle.
Und dann dieser Satz aus Markus 9, der uns alles zutraut: „Alles ist möglich, dem, der da glaubt.“

Seltsame Worte sind das: als ob sie uns zeigen wollen: es geht alles in die eine Richtung und wir können es bewirken, zumindest mit Gott.

Dass da alle, alle Menschen in den Blick kommen ist schon richtig: Gott grenzt keinen aus: er ist Gott für Juden wie für Heiden, für Frauen wie für Männer, für Sklaven wie für Freie.
Und dass das gut tut, wird ja im Blick auf Amerika deutlich: Joe Biden will ein Präsident für alle sein. Oder im Blick auf die Wahlplakate: Ein Bild von Winfrid Kretschmann und darunter der Spruch: er denkt ans Ganze!


Aber auch da gibt es Fehlformen: etwa ein Anspruchsdenken: ich habe ein Recht auf Gesundheit, auf Impfung sofort, auf medizinische Maximalversorgung.
Und es ist ja im Prinzip richtig: der eine Gott steht der einen Welt gegenüber.
Aber auch hier gibt es Fehlformen, wenn wir meinen, wir müssten „alle“ im Blick haben:
So vertrieb Eberhard im Barte, der erste Herzog von Württemberg kurz vor 1500 die Juden: in seinem Herrschaftsgebiet sollten alle Menschen Christen sein.
Oder in dem EKD – Papier „Kirche der Freiheit“ von vor zwölf Jahren: es wird als Ziel benannt, alle
Getauften auch zur Konfirmation zu führen.


Solche Aussagen über alle Menschen: ich würde sie nicht mit unseren menschlichen Handlungen in Verbindung bringen, sondern mit der Ewigkeit Gottes:
So etwa im Hymnus des Philipperbriefes: „dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist.“
Oder im Gleichnis vom Weltgericht in Matthäus 25.
Wie Gott am Jüngsten Tage der Gott aller Menschen sein wird: das ist nicht unsere Angelegenheit oder Aufgabe: da wird Gott Wege finden. Vermutlich auch jenseits unserer Vorstellungen.


Und von hier leuchtet noch einmal unser Predigttext vom vierfachen Ackerfeld auf:
Gottes Wort wirkt beim einen so und bei der anderen so.
Gottes Wort fällt bei mir einmal auf trockenen Boden und verdorrt und ich bleibe einsam und leer; und ein andermal bin ich mit anderen zusammen in der Fülle.

Wir müssen nicht verrechnen:
Warum wirkte da Gottes Wort nichts, oder doch nichts was wir verstehen würden: etwa wenn ein geliebter Mensch stirbt und wir doch so gebetet und gefleht haben.
Warum wächst und blüht diese Gemeinde und unsere ist so voller Dornen? Oder andersherum: wir würden auch Euch so gerne zum Blühen bringen – und es geht einfach nicht.
Warum schrumpfen in unserer Gesellschaft die Kirchen immer weiter? – und anderswo explodieren die Zahlen der Getauften geradezu.


Wir müssen uns nicht um das Ganze bemühen, das ist bei ‚Gott gut aufgehoben, nein:
Wir dürfen uns freuen, wenn es einmal hundertfache Frucht gibt: Wenn Zeit für ein Fest ist; wenn eine Pandemie besiegt ist; wenn Frieden auch mit den „Querdenkern“ möglich ist.
Und wir können auch Zeiten der Dürre zulassen: wenn Wege enden: gemeinsam trauern – den Verlust erst einmal so stehen lassen.


Es ist eben nicht alles so, wie wir es gern hätten.
Es ist eben nicht so, dass wir alles ändern könnten.
Das ist – laut unserem Predigttext – selbst dem Wort Gottes verwehrt.


So dürfen wir über Elend klagen –
Und über Wunder jubeln:
Dann, wenn es so ist.
Und wissen:
Wir sind nicht für ein perfektes Leben gemacht.
Wie unser Leben ganz wird, liegt bei Gott. Darauf dürfen wir vertrauen: er wird es richten.
Wir müssen im dürren Land nicht verzweifeln: auch dürres Land gehört dazu.
Aber: wir dürfen über hundertfache Frucht auch jubeln.


Amen