Predigt vom 21.03.2021 (Judica) von Stefan Cohnen

Das Holz, liebe Gemeinde, von dem im Wochenlied (EG 97) die Rede ist, ist schweres Holz. Drückendes Holz auf der Schulter – auf dem Weg zur Schädelstätte.
Nein, es gibt so gar nichts zu beschönigen an diesem Elend. Es geht um Leid. Es geht um Leiden. Knapp zwei Wochen vor Karfreitag haben wir die Passion fest im Blick: „Holz auf Jesu Schulter“. Belastungen, Erniedrigungen, Gewalterfahrungen allzu vieler Menschen damals, heute und zu allen Zeiten.

 

So auch die Erfahrung Hiobs. Allzu viel Leid ist über sein Haus, über seine Familie gekommen. Am Ende sitzt er da, geschlagen mit bösen Geschwüren von der Fußsohle bis auf seinen Scheitel. Was tun in solch einem Elend? Wie damit klarkommen, dass plötzlich alles dahin ist – fast alles? Nur noch ein Rest Leben ist geblieben, doch von unansehnlicher Krankheit entstellt.
Aber dann kommen die Freunde Hiobs: Elifas, Bildad und Zofar eilen herzu, als sie von den Hiobsbotschaften erfahren. Wie gut, Freunde zu haben! Freunde, die verstehen, Freunde, die zuhören, Freunde, die Anteil nehmen. Was wollte Hiob mehr?
Und Hiob klagt vor seinen Freunden. Hiob klagt an. Er klagt Gott an. Er beklagt, überhaupt geboren worden zu sein, nun, da es ihm so elend ergeht.


Und die Freunde? Die sagen Sätze wie: Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt? Mit anderen Worten: „Du, Hiob, wirst Dir schon irgendetwas zuschulden kommen lassen haben.“
Oder diese Freundesworte: Was reißt dein Herz dich fort? Was funkeln deine Augen, dass sich dein Mut wider Gott richtet und du solche Reden aus deinem Munde lässt? Soll heißen: „Hiob, schweig stille!“
So reden die Freunde. So begegnen sie Hiob.


Und der? Der redet so:
Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! (Hiob 19,19ff)


Dieser letzte Wunsch Hiobs immerhin hat sich bewahrheitet: Seine Reden sind aufgeschrieben worden. Sein Name ist uns noch heute bekannt. Dazu sein Leiden. Sein Klagen. Und dieses Klagen ist auf grausame und zugleich menschliche Art vorbildlich.


Dieses Klagen ist grausam: Denn es führt uns unbarmherzig vor Augen, dass das Leid zum Leben dazugehört. Der biblische Hiob schon klagt angesichts der erlittenen Schicksalsschläge. Später wird Jesus von Nazareth klagen, wie schwer das Holz auf seiner Schulter liegt.
Heute vegetieren Menschen in Flüchtlingscamps in Bosnien, in den Trümmern in Syrien und Jemen, auf den Intensivstationen hier und anderswo – wenn sie denn das Glück haben, dass es überhaupt so etwas wie Intensivstationen und Beatmungsgeräte gibt in dem Land, in der Region, in der sie an Covid19 oder irgendeiner anderen gefährlichen Krankheit leiden.
Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.



Menschlich vorbildlich kann solche Klage insofern sein, als dass selbst die Bibel menschliche Klage ausdrücklich hörbar, sichtbar macht. Es gilt kein frommes: „Mr muss dankbar sei…“ Nein, muss „mr“ nicht. Klage darf sein. Klage muss sein. Kein Jammern, wenn vielleicht im Hinterkopf die Ahnung ist, dass dies auf allzu hohem Niveau geschieht.
Aber Ja: Klagen gehört zum Mensch-Sein. So wie Hiob klagt. Und seine Klage ist aufgeschrieben worden. Aufgezeichnet und mit Blei – nein, nicht in einen Felsen gehauen, aber in der Bibel gesetzt.



Hiobs Klage nun geht in zwei Richtungen. Zunächst einmal klagt er Gott an, denn dessen Hand habe ihn getroffen, er, Gott, verfolge ihn.  Diese Klage berührt die Frage nach der Ursache allen Elends: Woher kommt das Leid?
Die Rahmengeschichte des Hiobbuches beantwortet diese Frage, indem sie davon erzählt, dass Gott dem Satan im Blick auf Hiob freie Hand lässt. Insofern ist es am Ende Gott, der das Leid des Hiob verursacht, weil er ihn nicht davor bewahrt. Das ist die sogenannte „dunkle Seite“ Gottes, die mitgedacht werden muss, wenn wir von einem – im klassischen Sinne – „allmächtigen“ Gott ausgehen.
Gleichzeitig gilt die Redewendung, dass Gott sich nicht in die Karten schauen lässt. Wir werden auf Erden die Frage nach der Ursache des Leids nicht lösen können. Was diese Frage nicht weniger drängend macht. Und sie gehört dann aber genau da hin: in die Klage, in die Klage gegen Gott.



Hiobs Klage weist aber noch in eine andere Richtung:
Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. So spricht er.
Und: Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde. (…) Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?
Nun also nicht die Frage, die Klage gegen Gott, sondern gegen die Getreuen, gegen die Freunde. Denn die verabscheuen ihn, sie haben sich gegen ihn gewandt, verfolgen ihn.
Offensichtlich ist das Verhalten der Freunde, ist das Reden der Getreuen für Hiob unerträglich. Ihre Ratschläge erscheinen ihm wie Schläge. Ihre Logik, dass sein Leid die Ursache im eigenen Verhalten haben müsse, nimmt ihm die Luft zum Atmen. Ihre Forderung, er solle das Klagen gegen Gott einstellen, verletzt ihn im Innersten.



Nein, so dürfen Freunde nicht reden. So dürfen Menschen nicht miteinander umgehen. Das wird in diesen Worten Hiobs exemplarisch deutlich.
Nicht, dass die Freunde lieber fortgeblieben wären! Es braucht Menschen, die uns in der Not zur Seite stehen. Merken wir doch gerade in Zeiten des Gebots, Abstand halten zu sollen, wie sehr uns die mitmenschliche Nähe fehlt.
Doch angesichts des Leids braucht es vor allem: ein offenes Ohr und ein offenes Herz.
Erbarmen: Das wünscht sich Hiob von seinen Freunden. Und nicht das Reden über Richtig und Falsch, keine Erörterung, was denn Hiob im Vorfeld lieber hätte anders machen sollen.


Das ist für mich die eine Botschaft dieses unseres heutigen Predigttextes aus dem 19. Kapitel des Hiobbuches:
Dass wir – grundsätzlich, vor allem aber auch dann, wenn es dem Gegenüber schlecht geht – barmherzig miteinander umgehen sollen. Ohne Logik. Ohne Rechthaberei.



Und dann ist da noch eine zweite Botschaft. Eine überraschende Botschaft. Denn ganz plötzlich, gänzlich unvermittelt
schlägt Hiob einen anderen Ton an. Nach all der Klage über sein Elend im Gegenüber zu Gott und im Gegenüber zu seinen Freunden kommt ein dickes „Aber“.
Hiob sagt:
Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut
noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Hiob 19,25ff)



Ein überraschendes, ein starkes Schlusswort. Auch hier kann es nicht um Logik gehen oder darum, Recht zu haben.
Doch durch die Klage hindurch kommt Hiob auf seine Hoffnung zu sprechen.
Nämlich - nach dem Leid: Erlösung. Nach dem Leben: Ein Schauen. Nach der Passion: Neues Leben. Nach der Pandemie: Aufatmen.


Danach sehnt sich auch mein Herz in meiner Brust.