So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Eph 5,1-9)

„Nachmacher!“
Liebe Gemeinde, das könnte ein Vorwurf sein. Und ich erinnere mich trübe an frühe Kindertage, als so ein Vorwurf kräftig an meinem Ego nagte. Weil ich etwa mit dem Skateboard irgendetwas machte – und zwar genau so wie der Nachbarsjunge. Und oft nicht so erfolgreich, wovon zum Kummer meiner Mutter so manches Loch in meinen Hosen zeugte. Aber das nur nebenbei…

Nachmachen jedenfalls war und ist oft uncool. Kreativität ist gefordert. Individualität. Unsere Gesellschaft lechzt geradezu nach Unikaten, nach Einzigartigkeiten. Und es musste dann also ein unvergleichlicher Urlaub sein, von dem berichtet wird. Oder ein ganz und gar exklusives Konzert. Vor Corona…
Jetzt sind wir alle nur noch am Warten. Oder gestalten nun die Wohnung exquisit und außergewöhnlich. Möbelhäuser und Baumärkte boomen, war zu lesen… Denn Nachmachen hat keinen guten Ruf.
So wie Abschreiben. Das ist schon in der Schule riskant. Und wer in seiner Doktorarbeit allzu viel nachmacht beziehungsweise abschreibt, ist früher oder später seinen Titel wieder los. Kennen wir…

Doch nun die Aufforderung in unserem Predigttext, in der Passage aus dem Epheserbrief, die wir gerade gehört haben, genau das zu tun: Nachmachen! So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder! heißt es bei Luther. Nehmt euch also Gott zum Vorbild! So übersetzt die Basisbibel.

Zugegeben: Das ist nun natürlich auch nicht irgendein Vorbild, das uns da vor Augen gestellt wird. Nicht irgendwen sollen wir nachahmen, sondern: Gott.
Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? So würde ich den Schreiber dieses Briefes am liebsten fragen. Vorbilder sind ja gut und richtig. Und wie viele sehen nicht ihre fußballerischen Vorbilder in Manuel Neuer und Christiano Ronaldo? Oder bewundern die Sängerin Billie Eilish und die Umweltaktivistin Greta Thunberg?

Vorbilder:
In Zeiten der sogenannten Sozialen Netzwerke haben Vorbilder inzwischen einen neuen Namen bekommen: Influencer – zu Deutsch: Beeinflusser.
Am Freitag habe ich meine Oberstufen-Schülerinnen und Schüler gefragt, wie es um ihr Verhältnis steht zu solchen Influencern. Für sie selbst, erklärten sie, seien die nur am Rande interessant. Aber bei jüngeren Geschwistern hätten Influencer tatsächlich Einfluss. Und diese Influencer würden dazu noch durch die Werbung, die sie da an Jungs und Mädchen vermitteln, ordentlich verdienen.
Einkaufsverhalten nachahmen? Das ist nun allerdings auch nicht die Kategorie Vorbild, der ich heute das Wort reden wollte… Doch je nach Perspektive lässt sich vermutlich an jedem menschlichen Vorbild ein Makel feststellen. Dann also doch das Vorbild: Gott?

Nun, unser Gott kann weder Fußball spielen noch besonders gut singen. Produktplatzierungen lassen sich schon gar nicht feststellen. Wenigstens erfahren wir nichts dergleichen in dem Buch, das uns doch noch am besten über Gott Auskunft geben kann.
Was er aber besonders gut kann sind – wenn wir uns an unserem Predigttext orientieren – Liebe und Selbsthingabe. Darin soll Gott uns Vorbild sein. Das sind die Fähigkeiten, die Tugenden, die wir nachahmen sollen: Liebe und Selbsthingabe.

Im Epheserbrief werden diese Tugenden noch dadurch hervorgehoben, dass ihnen einige Untugenden oder Sünden gegenübergestellt werden: Unzucht, Unreinheit, Habsucht, schändliches Tun und närrisches Reden. Zusammengefasst sei dies – so heißt es da – Götzendienst und Ungehorsam. Das seien Werke der Finsternis.

Dabei aber bleibt der Text nicht stehen. Auch ich will nicht bei all den Untugenden verharren und diese ausmalen. Denn es geht doch um eine positive Orientierung. Es geht um Vorbild und Nachahmung. Und darum schließt unser Text:
Ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Die Liebe und die Selbsthingabe Gottes  sind uns Vorbild. Sie leuchten uns voran. Ja, sie sind uns in einer Art und Weise Licht, dass wir nun also selbst Licht sind.
Zwischen den Zeilen dürfte der Autor des Epheserbriefes hier auf die Taufe anspielen, indem er früher und jetzt, indem er Finsternis und Licht gegenüberstellt. Und indem die Liebe und Selbsthingabe Gottes auf den Kreuzestod Jesu verweist, in den wir „hineingetauft“ sind, wie Paulus es im Brief an die Römer formuliert.
Aber als Getaufte sind wir dann eben auch durch Jesu Auferstehung in das neue Leben mit hineingenommen. Als Getaufte sind wir Licht. Kinder des Lichts: So werden wir genannt. So werden wir aufgewertet und ermutigt, erleuchtet und gestärkt. Ein kolossaler Zuspruch!

Und dann kommen hier doch auch „Produktplatzierungen“. Nichts was wir kaufen sollen. Vielmehr sollen wir liefern.
Denn das Produkt, denn die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Wer in Jesus Christus so ein göttliches Vorbild hat, wem so die Augen geöffnet werden und wem so geleuchtet wird, wer nun also selbst Licht ist, der und die kann jetzt selbst Frucht geben – nämlich Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
So kommt also auch hier wieder zum Zuspruch: der Anspruch. Zum Evangelium: das Gebot. Zur Gabe: die Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, Gott nachzumachen, ihn uns mit seiner Liebe und Selbsthingabe als Vorbild zu nehmen – und also gütig, gerecht und wahrhaftig zu sein.

Was das heißen kann?

Vorgestern haben wir hier in der Martinskirche den Weltgebetstag gefeiert – mit einer Liturgie, die von Frauen aus Vanuatu formuliert wurde. Die Menschen in diesem kleinen Inselstaat am anderen Ende der Welt leben scheinbar im Paradies. Doch die Idylle trügt. Neben hausgemachten Problemen ist Vanuatu buchstäblich vom Untergang bedroht. Der Klimawandel führt zur Erwärmung des Meeres, wodurch die Korallenbänke sterben, wodurch Fluten ungehindert aufs Land treffen, wodurch das Meer immer mehr Land frisst. Der steigende Meeresspiegel tut ein Übriges.
Wahrhaftigkeit hieße, dass wir uns eingestehen, dass wir unseren Lebenswandel ändern müssen, damit die Menschen am anderen Ende der Welt leben können. Hieße: Weniger Energieverbrauch und weniger Müll. Durch uns.

Vor gut einer Woche hat die Arbeitsrechtliche Kommission der Diakonie in Deutschland eine Abstimmung über die Einführung eines bundesweiten Tarifvertrags für Pflegekräfte abgesagt – und sich damit hinter der Ablehnung eines solchen Tarifvertrags durch die Caritas versteckt. Damit liegt es ausgerechnet an den kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen, dass unzählige Pfleger und vor allem Pflegerinnen weiterhin nur Mindestlohn erhalten.
Gerechtigkeit hieße, dass der Einsatz in der Pflege nicht nur beklatscht, sondern auch so einkömmlich entlohnt wird, dass der Dienst am Nächsten sichtbar einen Wert und der Pflegeberuf überhaupt eine Zukunft hat.

In diesen Tagen finden in vielen Städten Baden-Württembergs, auch in Esslingen, Aktionen der Seebrücke statt. Sie erinnern an die vielen Menschen, die nach wie vor im Mittelmeer sterben, an die Menschen, die vor den Außengrenzen Europas und in Lagern in Griechenland vegetieren. Auch die Landtagswahlen sind eine Möglichkeit, die politischen Kräfte zu stärken, die nicht Abschreckung an oberste Stelle setzen.
Denn Güte hieße, dem Sterben und dem Elend an der Südgrenze Europas nicht länger tatenlos zuzuschauen, sondern der Menschlichkeit zum Sieg verhelfen.

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder.
Und habt keine Sorge, ihn nachzumachen in Sachen Liebe und Selbsthingabe. Denn ihr seid Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.    
Amen.