Predigt vom 20.12.2020

Liebe Gemeinde,
geht es Ihnen, geht es Euch in letzter Zeit auch so: Ich schaue einen Spielfilm oder eine Serie. Ich schaue irgendwas im Fernsehen – und zucke zusammen angesichts beieinanderstehender Menschen, sich um den Hals fallender Freundinnen, gemütlich ein Bier trinkender Kollegen.
Was machen die da? – denke ich. Warum halten die keinen Abstand? Und dann – ach ja – fällt mir ein: Es gibt auch noch einen anderen Zustand als den nun schon seit einem Dreivierteljahr eingeübten. Es gab Zeiten, da gab man sich noch die Hand, da hat man noch miteinander gesungen, da hat man noch gemeinsam gelacht… Scheinbar unendlich lange her, dass das so war.

Auch bei der Geschichte, die der heutige Predigttext erzählt, könnte ich zusammenzucken. Und klar: Was da beschrieben wird, ist tatsächlich schon unendlich lange her – und zugleich in verschiedenster Hinsicht seltsam und überraschend – und ja: erfreulich.
Die Geschichte entführt uns in eine Gegend etwa zwei Tagesmärsche südlich von der Stelle, wo später einmal Jerusalem sein wird. Ihr merkt schon: Diese Geschichte spielt in einer wirklich fernen Vergangenheit.
Und natürlich kommt man in diesen fernen Zeiten zusammen, sitzt man zusammen, isst man zusammen.
Unglaublich, was damals möglich war! Aber es wird noch unglaublicher.
An jenem Tag, an dem unsere Geschichte spielt, ist es heißer Mittag, als Abraham unvermittelt von drei Männern besucht wird. Mit nichts anderem als mit orientalischer Gastfreundschaft in Vollendung begegnet Abraham diesen Dreien. Er lädt sie ein, sich die Füße zu waschen, sich im Schatten niederzulassen und zu essen.
Und Abraham tischt auf, besser: lässt auftischen, denn seine Frau Sara in ihrem Zelt beauftragt er, riesige Mengen an Brot, an zartem Kalbfleisch sowie Butter und Milch zuzubereiten. Und so essen Abraham und die drei Gäste.

Da sprachen die Drei zu Abraham: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.
Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!
Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben.
Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.
(Gen 18,9-15)

Sara also. Sie ist den Blicken der Fremden verborgen – und doch wissen diese um sie. Und sie wissen um die Verheißung, die die beiden nun schon so viele Jahre begleitet: Einen Sohn sollten Abraham und Sara bekommen. Nachkommen – so viele, wie Sterne am Himmel.
Doch inzwischen sind die beiden alt geworden: Abraham zählt 99 Jahre – und Sara immerhin 89. Binnen Jahresfrist soll Sara, Abrahams Frau, einen Sohn haben. Wie – so fragen auch wir uns – kann das gehen?

Darum lachte Sara bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!
Was ist das für ein Lachen?
Für den Besuch scheint der Fall klar zu sein: Sara lacht ungläubig. Sie belächelt nicht nur, sie verlacht diese Botschaft, deren Überbringer als „der HERR“, als Gott selbst also beschrieben wird.
In dieser Lesart erscheint Sara als eine, die die Verheißung abtut, die sich von ihr distanziert, sich ihr verschließt.
Was nicht verwunderlich wäre: Auch sie wird zusammengezuckt sein angesichts dieser Botschaft. Sie jedoch als verschlossen gegenüber der Verheißung zu bezeichnen, entspricht nicht dem, was über Sara tatsächlich erzählt wird.

Ja, Sara lacht. Aber sie lacht nicht verächtlich – weswegen sie abstreitet, so gelacht zu haben.
Ja, Sara lacht. Aber es gibt eben auch noch andere Formen des Lachens.

Lachen, so habe ich bei der Gelegenheit gelernt, ist zunächst einmal durch typische Lautäußerungen und eine stoßartige Ausatmung gekennzeichnet.
Weiter erfahre ich im Internet-Lexikon Wikipedia: Im menschlichen Miteinander wird das Lachen als Ausdruck für Sympathie und gegenseitiges Einverständnis verstanden und entfaltet dadurch eine besänftigende, konfliktbegrenzende Wirkung, die dem Zusammenleben in Gruppen förderlich ist.
Und auch wenn der Verhaltensforscher Konrad Lorenz im Lachen ein Zähnefletschen und damit eine ursprüngliche Drohgebärde erkennt, hat es auch etwas Verbindendes: Sich untereinander die Zähne zu zeigen heißt, Teil einer starken Gemeinschaft und ein gleichberechtigter Partner innerhalb der Gruppe zu sein.

Wenn Sara lacht, dann vielleicht also vielmehr deswegen, weil sie Einverständnis signalisiert, weil es lebens-, zusammenlebensförderlich ist – und weil Sara stark ist, gestärkt durch eben diese Zusage, die sie gerade gehört hat: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben.

Sara lacht. Sie lacht, weil sie etwas Unglaubliches gehört hat, einen unglaublichen Zuspruch. Sie lacht, weil sie sich freut. Freut, über das, was kommt. So unwahrscheinlich das auch klingen mag, was ihr da angekündigt wird. So sehr sie erst einmal zusammenzuckt, so sehr freut sie sich doch auch.
Und diese Freude ist eine auch ganz körperliche, eine ganz sinnliche Freude. Denn sie stellt nicht in Frage, sie stellt fest: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!

Trotzdem! Trotz des Alters der beiden: Freude. Trotzdem: Lachen. Ein freudiges Lachen. Und ein ansteckendes Lachen. Denn ein Bibelkapitel zuvor ist es Abraham, von dem berichtet wird, dass er lacht.
Und der Sohn, der den beiden schließlich geboren wird, wird Isaak heißen – zu Deutsch: „Gott hat gelacht“.
Oder: „Gott hat zum Lachen gebracht“.

Alle lachen. Himmel und Erde lachen. Lachen gemeinsam. Freuen sich über das, was kommt – obwohl es doch kaum glaublich erscheint, was da geschehen könnte:
dass eine alte Frau ein Kind gebären wird;
dass Gott in die Welt kommen wird;
dass wir einmal wieder lauthals und ungeschützt werden singen können;
dass wir einander in den Armen liegen.

Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! (Wochenspruch Phil 4,4.5b) Und lacht.
Lasst das Zwerchfell zusammenzucken mit einer damit einhergehenden stoßartigen Ausatmung.
Denn Gott lacht mit uns.        
Amen.