Predigt vom 5./6. Dezember 2020

Geduld!
Liebe Gemeinde, Geduld ist zur Zeit eine viel gefragte Tugend. Geduld braucht´s in dieser Pandemie. Was im März losging, ist noch lange nicht beendet.
Geduld braucht´s auch in Richtung Weihnachten, braucht´s auch in der Adventszeit. Denn wenn da Advent,
wenn da Ankunft als Motto über diesen dunklen Wochen steht, dann ist es ein fast schon natürlicher Reflex, diese Ankunft dann auch dringend herbeizusehnen. Aber es dauert noch ein Weilchen, bis das Christkind kommt.

Das zweite Adventswochenende hat allerdings einen noch deutlich weiteren Horizont als den bis zur Geburtstagsfeier Jesu. Der zweite Advent hat eine Perspektive, die nicht nur 2 ½ Wochen umfasst, sondern eine bis zum Ende der Zeit, bis dahin, wenn Jesus Christus wiederkommt.
„Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“: So heißt es im Glaubensbekenntnis. So wird da die Hoffnung beschrieben, dass die Welt eine andere, eine bessere, eine Gott und den Menschen wohlgefälligere sein könnte – und sein wird. Bis dahin braucht es natürlich noch mehr Geduld.

Geduld:
Um sie geht es auch in unserem heutigen Predigttext. Ich lese aus dem Jakobusbrief im 5. Kapitel – in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“:
Geduldet euch nun, meine Schwestern und Brüder, bis Jesus kommt! Auch diejenigen, die vom Acker leben, erwarten die kostbare Frucht der Erde so, dass sie sich gedulden, bis die frühen oder die späten Früchte reif sind. Geduldet auch ihr euch, stärkt das Denken, Fühlen und Wollen eurer Herzen, denn Jesus kommt bald!
Stöhnt nicht übereinander, meine Geschwister, damit Gott euch nicht verurteilen muss. Denn das Urteil über euch steht unmittelbar bevor. Nehmt euch ein Beispiel, meine Schwestern und Brüder, an der Leidensfähigkeit und der Widerstandskraft der Prophetinnen und Propheten, die im Namen Gottes redeten.
Siehe, wir preisen die glücklich, die widerständig waren. Ihr wisst, dass Hiob Widerstandskraft hatte, und ihr wisst auch, dass Gott ihm am Ende Heil geschenkt hat. Denn Gott ist mitfühlend und barmherzig.

(Jak 5,7-11)

Geduldet euch nun! Dass Geduld gefragt ist, haben auch die Konfirmandinnen und Konfirmanden bestätigt,
die ich nach diesem Text gefragt habe. Und dass es nicht ganz einfach ist, immer Geduld zu bewahren, wenn man auf etwas Wichtiges wartet, hat einer mit dem Warten auf die Pausenglocke im Schulunterricht
oder auf das erlösende Tor in einem Fußballspiel verglichen. Und wer nicht gerade Fan des FC Bayern München ist, der weiß, dass Fußballleidenschaft tatsächlich etwas mit Leiden, mit Leidensfähigkeit zu tun hat.
Geduldet euch nun! Das könnte sehr duldsam klingen. Es ginge dann allein darum, sich ins Warten zu schicken. Nicht zu murren. Nicht aufzubegehren. Nicht zu stöhnen, wie es im Jakobusbrief heißt. Denn der Weg bis zur Wiederkunft des Messias ist weit.

Das mag sein – und umfasst doch nicht die ganze Absicht, die der Briefschreiber verfolgt. Diese Absicht aber wird vor allem in der Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“ deutlich. Die nämlich nimmt wahr,  dass die griechische Vokabel, die hier im Jakobusbrief verwendet wird, nicht einfach nur eine Geduld im Sinne eines leidensfähigen Warten-Könnens meint. Darum ist hier von Widerstandskraft die Rede:
Nehmt euch ein Beispiel, meine Schwestern und Brüder, an der Leidensfähigkeit und der Widerstandskraft der Prophetinnen und Propheten, die im Namen Gottes redeten.
Unser Warten auf den wiederkommenden Jesus soll geprägt sein von Leidensfähigkeit und Widerstandskraft.


Widerstandskraft?
Als Beispiel führt der Jakobusbrief Hiob an. Hiob ist ja nun wirklich sprichwörtlich geworden für all das, was er erdulden musste. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen hat ihn ereilt und sein Leben völlig auf den Kopf gestellt.
Und ja: Das bekannte Hiob-Zitat „Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, der Name des Herrn sei gelobt“ spricht für seine Leidensfähigkeit.
Aber dann fängt Hiob an zu diskutieren, zu klagen, mit Gott und mit seinen Freunden zu streiten. Nein, er lässt das, was ihm da widerfährt, nicht einfach mit sich geschehen. Er ist nicht einverstanden mit seinem Schicksal. Er will seine Gesundheit, er will sein Leben zurück.

Widerstandskraft!
Das Beispiel Hiob und die Aufforderung im Jakobusbrief machen deutlich, dass auch das längste Warten
nicht einhergehen muss, nicht einhergehen soll mit einem demütigen Sich-Fügen in das scheinbar Unausweichliche.
Der Jakobusbrief und das Beispiel Hiob lehren uns vielmehr, widerständig zu bleiben, rebellisch zu sein, es nicht gut sein lassen, sondern aufzubegehren gegen all das, was schief läuft. Adventlich aufbegehren. Und also nicht angesichts des Adventskranzes die Hände in den Schoß zu legen.
Denn Ja:
Die Wiederankunft Jesu ist uns verheißen. Ein neuer Himmel und eine neue Erde werden kommen. Wer dies aber als eine Aufforderung zu demütigem Abwarten versteht, obwohl die Welt so ist, wie sie ist, degradiert die christliche Botschaft zu Opium für das Volk.
Doch genau darum geht es nicht. Im Gegenteil. Widerstandskraft gilt es aufzubringen. Sich nicht abfinden. Der Jakobusbrief wettert denn auch in den Versen vor unserem Predigttext gegen überhebliche Geschäftsleute und gegen nur auf sich selbst bezogene Reiche. Nicht gegen Handel oder Reichtum an sich, aber gegen Überheblichkeit und Selbstbezogenheit in einer Welt, die nur im Miteinander lebenswert ist  und bleibt.

Das bedeutet: Auch wir mit unserem Reichtum können etwas tun. Könnten wahrnehmen, wie gut es uns geht, anstatt allzu oft übereinander zu stöhnen, wie es im Predigttext heißt. Und wir könnten uns ein Beispiel nehmen – etwa an Nikolaus von Myra.
Der ist nämlich nicht zu allererst ein in Alufolie eingewickelter Schokoladenmann, sondern einer, der vor knapp 1700 Jahren als Bischof in Kleinasien sein ererbtes Vermögen unter den Notleidenden verteilt hat.

Vielleicht stellt das Verhalten des Nikolaus eine Messlatte dar, die wir nur reißen können. Aber eine, die uns anspornen könnte, darüber nachzudenken, inwiefern wir widerständig sein können angesichts der Not der Welt, was wir tun können in dieser Zeit des Wartens.

Geduldet auch ihr euch, stärkt das Denken, Fühlen und Wollen eurer Herzen, denn Jesus kommt bald!

Und falls Jesus nicht so bald kommt, ist solche Stärkung des herzlichen Denkens, Wollens und Fühlens umso wichtiger.
Amen.