Predigt zum 2. Advent 2020 in der Versöhnungskirche

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht!
Seht, da ist euer Gott!“


Diese Worte des Propheten Jesaja, liebe Gemeinde, haben wir eben gehört. Hat sie diese Worte auch gehört, als sie müde in der Palliativstation ihr Ende ahnte? Hört er die Worte, wenn die Last der Verantwortung, die er trägt, die Knie wankend macht? Wer sagt einer verängstigten Kinderseele: Fürchte dich nicht!? Und welchem verzagten Herzen gibt Gott sich zu erkennen? Ich möchte mit euch heute über die Sorge nachdenken – nicht über 1000 und 1 Alltagssorge, sondern über die Sorge schlechthin.


Das Neugeborene in Händen haltend spüren die jungen Eltern, dass sie von nun an Sorge tragen. Dieses kleine Leben ist verletzlich und sensibel, es ist in jeder Hinsicht auf die Sorge angewiesen. Kümmert sich niemand, so wird es unweigerlich sterben. Erfährt es Liebe in Form von Muttermilch, frischen Windeln, unzähligen Umarmungen und Zuwendungen, so wird es bald ein erstes Mal lachen – jedenfalls dann, wenn es keine Krankheit zum Tode hat. Ob jung oder alt: Am Ende unseres Lebens versagt der Körper die Gefolgschaft – und auch da bündelt sich noch einmal, was uns unser ganzes Leben begleitet, nämlich die Angewiesenheit auf den Anderen, auf die Andere. In der Pandemie sehen wir alltäglich das Ringen um die niedrige Inzidenz und müssen einander doch begegnen: Für das tägliche Brot, für die Versorgung von Leib und Seele. Wir könnten durch totalen Stillstand das Virus aushungern und wären am Ende selbst verhungert. Nein, ohne Sorge umeinander sind wir nicht lebensfähig. Die wankenden Knie brauchen Brot, das verzagte Herz braucht ein Wort, die müde Hand braucht einen Menschen, der sie schweigend hält.


Sorge nimmt den anderen Menschen wahr, nimmt ihn ernst, geht in Beziehung – kein Helfersyndrom, das den Blinden vom Bahnsteig in den Zug hineinschiebt, obwohl der gar nicht reinwollte. Keine Bevormundung, die dem alten Menschen aus pandemischen Gründen verbietet, mit den Enkeln eben doch mal einen Spaziergang zu machen. Der Mensch in begleitender Sorge des Anderen weiß um die eigene Endlichkeit und damit um die eigene Verletzlichkeit – und darin ist die Sorge grundsätzlich bejahend: Sie bejaht das Sein des Anderen, der Anderen, weil jedes Leben einen Wert schon in sich trägt und nicht erst durch Verdienst und Würdigkeit zugeteilt bekommt. Die müden Hände haben keinen geringeren Wert als die starken, das verzagte Herz ist ebenso kostbar wie das fröhliche. Kostbar ist das Leben, jedes einzelne Leben, darin liegt die Verletzlichkeit, darum sprechen wir in diesen Tagen so viel über Vulnerabilität.


Hören wir Worte des Neuen Testaments, von Jakobus geschrieben: „So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“


Der Bauer trägt Sorge für das tägliche Brot. Geduldig lässt er die Jahreszeiten für sich arbeiten. Seine Hände sind stark und auch sie werden müde. Das Korn, das er dem Bäcker bringt, das Brot, das dieser daraus macht: Es ist das schlichte tiefe „Ja“ zum Leben. Das Leben, das wir nicht alleine hinbekommen. Das Leben, das auf die Sorge der Anderen angewiesen ist. Die müden Hände stärken, die wankenden Knie festigen. Das verzagte Herz trösten. Das sind zutiefst menschliche Aufgaben, zutiefst christliche Aufgaben.


Eine müde Hand in der Palliativstation halten – das ist Trost, sogar in der Hoffnungslosigkeit. Wer solch eine Hand hält, weiß, dass eines fremden Tages auch seine Hand so gehalten wird – und ein anderes Wissen, das nicht aus uns kommt, wird ihm dann zuteil: „Seht, da ist euer Gott!“

Amen.