Predigt zu Weihnachten 2020

„Alle Jahre wieder…“
Liebe Gemeinde, nein, in diesem Jahr ist nichts, wie es war.
Von wegen: „Alle Jahre wieder“!

Weihnachten: Das ist wie kaum ein anderes Fest in unseren Breiten ein Fest voller Traditionen, voller liebgewonnener und – nun ja – manchmal auch nur mit Mühe ausgehaltener Gewohnheiten. Insbesondere der Heilige Abend folgt einem über Jahre, manchmal Jahrzehnte eingeübten Protokoll: Wer wann wo sich aufhält? Ob Kirchgang oder nicht? Was es zu essen gibt? Wann die Bescherung losgeht?
Anders als in anderen Ländern ist dann der erste Weihnachtsfeiertag schon gar nicht mehr richtig im Fokus. Da geht es dann eher ums Ausschlafen. Oder auch auf die Autobahn, um die Verwandtschaft heimzusuchen. „Alle Jahre wieder…“.
In diesem Jahr jedoch ist nichts, wie es war. Sollte nichts so sein, wie sonst. Trotz all unserer Bemühungen um Infektionsschutz. Trotz aller Einschränkungen, die wir nun schon seit Mitte März mehr oder weniger geduldig auf uns genommen haben. Und dass wir an Weihnachten überhaupt zu Gottesdiensten zusammenkommen, hat in der Bevölkerung anscheinend keinen Rückhalt mehr. Wir stehen gewissermaßen vor den Trümmern unserer Weihnachtstradition.

Dabei ist das Weihnachtsfest keines, das ein Ende markiert, das einen Abschluss darstellen würde, sondern ein Fest des Anfangs, des Aufbruchs, ein Fest, an dem wir eine Geburt, an dem wir den Beginn des Lebens Jesu feiern. Und vielleicht war es lange nicht mehr so wichtig wie heute, diesen Aufbruch, diesen Neuanfang zu feiern – und ihn gerade auf den Trümmern unserer Gewohnheiten zu feiern.

Nicht, dass ich falsch verstanden würde: Es gibt nichts schönzureden an der Bedrohung durch das Virus, an der Tatsache, dass weltweit bereits 1,7 Millionen Menschen an und mit Covid-19 gestorben sind. Außerdem zieht die Pandemie eine wirtschaftliche Katastrophe und politische Verwerfungen nach sich, die wir noch gar nicht überblicken können und die auch hierzulande allzu viele Menschen betrifft und belastet.

Nichts ist gut an Corona. Und zugleich leuchtet das Licht der biblischen Weihnachtsbotschaft umso stärker in das Dunkel der globalen Situation hinein: Wir sind nicht am Ende! Im Gegenteil: Aus den Trümmern entsteht Neues. Das Leben – so zart und zerbrechlich es auch ist – das Leben ist im Kommen. Gerade jetzt!
Von dieser Neuigkeit, von diesem Kommen erzählt auch unser heutiger Predigttext. Geschrieben in einer Zeit, als das Leben aus Jerusalem entwichen war, als seine Mauern in Trümmer lagen und seine Bevölkerung im fernen Babylonien im Exil war. In diese Situation hinein spricht der Prophet Jesaja seine Botschaft, verheißt er Frieden, Gutes und Heil. Wörtlich heißt es da:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. (Jes 52,7-10)

Vor über zweieinhalb Jahrtausenden hat diese Nachricht des Jesaja das Ende jener Exilszeit angekündigt. Der Wiederaufbau Jerusalems stand in Aussicht. Freiheit und Selbstbestimmung. Eine Rückkehr ins gelobte Land. Frieden, Gutes und Heil.
Was auffällt bei diesem Ruf des Jesaja: Die eigentliche frohe Botschaft kommt leise und lieblichen Fußes daher. Während die Reaktionen auf diese Nachricht lautes Rufen und fröhlicher Jubel sind, heißt es zuvor: Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!

Es ist eine so sehnsüchtig erwartete, aber es ist zunächst einmal eine leise, eine in ihrer Form fast schon zurückhaltende Botschaft. Der Freudenbote, der da auf lieblichen Füßen kommt: Er schreit und ruft nicht. Er verkündigt, predigt, sagt – wenngleich der Inhalt seiner Botschaft großartiger nicht sein könnte.

Schon bei Jesaja ist diese gute Nachricht ein leises Hineinsprechen in schwerer Zeit. Gut 500 Jahre später geht bei Jesu Geburt – um mit Johannes zu sprechen – ein Licht auf, das in die Finsternis hineinleuchtet.
Von solchen Worten und von diesem Licht zehren wir noch heute, wenn es darum geht, dass wir in unserer Dunkelheit bestehen: dass wir dennoch das Heil unseres Gottes sehen; dass wir trotz allem Worte des Trostes und der Ermutigung vernehmen.

Das ist´s, was wir brauchen in diesen Weihnachtstagen 2020: Trost und Ermutigung. Zeichen des Neuanfangs und des Aufbruchs. Signale, dass wir ins Leben zurückkehren werden.
Und Ja: Vielleicht braucht´s dafür tatsächlich nicht unbedingt Gottesdienste, in denen Menschen leibhaftig zusammenkommen. Aber es braucht die Verständigung darüber, was uns trägt und was uns halten kann. Es braucht die Momente, in denen wir miteinander teilen, was wir an Zeichen und Worten gesehen und gehört haben: Zeichen und Worte, die uns in der Bibel, aber auch solche, die uns in der Gegenwart begegnen.
Und auch da sind es manchmal die leisen Worte, die auf den ersten Blick unauffälligen Zeichen, Freudenboten, die lieblichen Fußes unterwegs sind.

Ich denke an die Altenpflegerin hier in Esslingen, die ihr Leben darauf eingerichtet hat, für die Bewohnerinnen und Bewohner ihres Heimes da zu sein. Die deswegen ganz bewusst die Kontakte reduziert, die sie in ihrem Privatleben gerne pflegen würde, um für die, die ihr anvertraut sind, kein lebensbedrohliches Risiko zu werden. Und die doch zugleich weiß, dass sie selbst jedem Tag dem Risiko einer Erkrankung ausgesetzt ist.

Ich denke an die Krankenschwester aus dem Nürtinger Krankenhaus, die erst vor einer guten Woche von der Insel Lesbos zurückgekehrt ist. Sie hat dort im Flüchtlingslager versucht, den Menschen in ihrem Elend ein Stück Menschlichkeit zu bringen, indem sie dort gemeinsam mit ihrem Team die Wasserversorgung organisierte, Hygienetrainings entwickelte – und immer wieder einfach da war, um den Menschen zuzuhören.

Und ich denke an die Menschen in unserer Gemeinde hier in Oberesslingen, die die anderen, die nicht mehr mobil sein können oder wollen, nicht vergessen, sondern immer wieder anrufen, auch mal Besorgungen für sie erledigen – oder auch zum Beispiel diese Predigt vorbeibringen oder in den Briefkasten werfen.

Kleine Zeichen. Unspektakuläre Signale. Doch auch durch sie wird Frieden verkündigt, Gutes gepredigt, Heil verkündigt. Oder mit Jesaja und Johannes formuliert: Der Herr ist nach Zion zurückgekehrt. Und das Wort ward Fleisch.
Es ist an uns, seine Herrlichkeit zu sehen. Und mit den Trümmern Jerusalems gegen alle Finsternis und mit weihnachtlicher Zuversicht anzujubeln.
Amen.