Predigt zu Altjahrabend (31.12.) von Stefan Schwarzer

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. (Ex 13,20-22)

Liebe Gemeinde!In einer Wolke am Tage, in einer Feuersäule bei Nacht, damit sie, die Israeliten – so wörtlich – Tag und Nacht wandern konnten.Doch mal ehrlich: Will ich das, bei Tag und bei Nacht wandern? Willst du das? Habe ich mich nicht gut eingerichtet in meiner Situation? Montags, da ist freier Tag, Mittwochs, da kommen die Konfis, Freitags, da gehen die Jungs in die Musikschule und am Wochenende, ja, da ist halt Wochenende. Man weiß, wie der Hase läuft, man ist Routinier und das fühlt sich ganz gut und vor allem bequem an. Bis auf Weiteres. Bis auf welches Weitere eigentlich? Ich vermute, jede*r hier im Raum kann für sich leicht klären wie das ist, mit den Montagen, Mittwochen, Wochenenden. Und dann meldet sich das Leben in seiner unendlichen Vielfalt und mit all seinen Wegen und Irrwegen. Die Routinen werden gestört: In einem individuellen Leben kündigt sich die Geburt eines kleinen Menschen an oder wird ein alles über den Haufen werfender Tumor erkannt. Oder die bisher sichere Arbeitsstelle wackelt plötzlich oder die wackelige Arbeitsstelle wird endlich entfristet und damit sicher. Bis auf Weiteres. Wir Menschen mögen es ja ganz gerne, kuschelig routiniert zu wissen, was die Tage so auf uns zukommt. Und Veränderung, tja, die fühlt sich irgendwie unbequem an. Denn wer weiß, wohinein wir geraten. Schauen wir nun auf das Jahr zurück, das heute zu Ende geht, dann sind wir da gehörig in was reingeraten – nämlich in eine Pandemie. Die Routinen werden unterbrochen, die Sicherheit, soweit sie vorhanden war, erschüttert. Erschreckende Bilder flimmern uns in Echtzeit über die Bildschirme, von Schockstarre bis Realitätsverweigerung, alles ist da. Kaum sind die ersten Wochen des Frühlings um, die mal nicht so laufen, wie wir uns das in den Kopf gesetzt hatten, tauchen die ersten zum Jammern auf: Während weltweit wie schon immer gehungert, gefiebert und um das nackte Leben gekämpft wird, sind einige junge Eltern der Ansicht, die lieben Kleinen nähmen schlimmen Schaden an den geschlossenen Spielplätzen. Und schwups, der Sommer öffnet: die Spielplätze, die Seen und Flüsse für alle, die Lufthansa hebt wieder ab, die Biergärten bescheren gemütliche Abende zum Sonnenuntergang, und Musik, Gott sei Dank erklingt sie wieder live und von den Großen ihrer Zunft gespielt. Bis in den frühen Herbst tanken wir Sonne, treffen wir Freunde, lassen es uns gut gehen. Dann geht alles ziemlich schnell: Die Kontrolle geht verloren, politisch geht es Hin und Her, Meinungen gibt es in etwa so viele wie Viren und manchmal ist nicht so ganz klar, wer von den beiden eigentlich gefährlicher ist: Das Virus oder die Meinung. Die 22-jährige Jana aus Kassel gibt bei einer Demo bekannt, dass sie sich wie Sophie Scholl fühle und ist ganz erstaunt darüber, dass das nicht alle cool finden. Wie es sich wohl anfühlt, von Roland Freisler, einem der größten Naziverbrecher des Dritten Reiches, zum Tode verurteilt zu werden? Ich weiß es nicht, aber bestimmt kann Jana uns dazu einiges sagen. Allmählich kommen Advent und Weihnachten, geradezu niedlich mutet es uns an, dass im Sommer noch nachgedacht wurde: Weihnachtsmarkt ja oder nein? Weihnachtsoratorium ja oder nein? Weihnachtsfeste in großer Familie ja oder nein? Nun, nein, nein und nochmals nein lauten die bekannten Antworten. Und ich merke – auch an mir selbst – das macht allmählich auch was mit den Konstruktiven, den Verantwortungsträgern, den Besonnenen. Wir Menschen leben von und aus der Begegnung, wir leben vom Brot, das der Bäcker uns reicht, aber auch von den Tönen, die die Musikanten uns spielen. Wir zehren im Alltag von der Freude freundschaftlich geleerter Weinflaschen und der Breitensport in Vereinen und Bädern steht uns gut zu Gesicht. Wir lieben unsere Kinder, aber wenn sie dann auch mal wieder in der Schule und in der Kita sind, atmen wir durch und auf (und von den Kindern, die unbemerkt verwahrlosen, der häuslichen Gewalt, die unbemerkt geschieht, fange ich gar nicht erst an zu reden). Ja, es ist eine sehr komplexe Situation und guter Rat nicht im Sonderangebot erhältlich. Lassen wir mal die Extremen außen vor, also Jana einerseits und hypochondrische Panikpaulas andererseits – so bleiben immer noch eine Menge Ambivalenzen in all den Themen, die die Pandemie mit sich brachte. Mit jedem, ausnahmslos jedem von uns hat diese Geschichte zu tun – sehr unbequem das Ganze, ja, denn wir müssen uns so oder so dazu verhalten. Keine Angst, diese Predigt ufert nicht zu einem Pamphlet aus, was der Schwarzer für epidemiologisch-politisch-juristisch-immunologisch richtig oder falsch hält. Ich bleibe bei meinem Predigtamt und möchte als Christenmensch unter uns Christenmenschen werben: Um Vertrauen auf den Gott der Bibel, der das Volk Israel durch die lebensgefährliche Wüste geleitete. Um Vertrauen auf den Engel, der den Hirten zurief, dass sie sich nicht fürchten müssen. Um Vertrauen auf Jesus, der konsequent durchbuchstabiert hat, was dem Leben dienlich ist.Die hypochondrische Angst auf der einen ebenso wie der egomane Missbrauch des Freiheitsbegriffes auf der anderen Seite sind keine guten Ratgeber, und weder die eine noch der andere können sich theologisch sauber auf den Gott der Bibel und seinen Sohn beziehen. Stattdessen übe ich glauben, dass Gott uns seine Erde – siehe, er fand sie sehr gut, als er sie gemacht hatte – dass Gott uns seine Erde anvertraut und uns damit auch zutraut, dass wir diese Verantwortung tragen können. Verantwortung übernehmen für unser Tun am je eigenen Wirkungsort, uns fragen und fragen lassen, was denn gut und dem Leben dienlich ist. Und das alles in der Hoffnung auf eine Wolkensäule am Tage und eine Feuersäule in der Nacht. So wandern wir in diese Nacht, an deren Ende ein neues Jahr steht: Neues Jahr 2021 nach Christus, neues Jahr im Umgang mit der Pandemie, neues Jahr mit Lachen und Weinen und Gott bei uns! Darauf lasst uns heute Nacht anstoßen, stiller als sonst, doch nicht ohne Hoffnung. Amen.