Predigt zum Karfreitag 2020 von Stefan Schwarzer

Liebe Leserinnen, liebe Leser,


Maria Magdalena, so werde ich in der Bibel genannt. Magdalena ist nicht mein Nachname, sondern der Hinweis, dass ich aus einem Ort namens Magdala stamme, der am Westufer des See Genezareth liegt. Ich war mit Jesus von Anfang an unterwegs, er hat mein Leben mit seiner bedingungslosen Liebe verändert. Ich war mir sicher, dass er wirklich der Messias ist, der gesalbte Gottes, der unsere Welt und uns Menschen retten wird. Retten aus all unseren schuldhaften Verstrickungen, retten aus all den Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen. Und nun das: Wir mussten heute mit ansehen, wie er ermordet wurde.


Am Anfang, da war alles ganz einfach mit ihm: Er ist mit seinen Freunden von Stadt zu Stadt gezogen und die Menschen haben ihm gerne zugehört. Er konnte sie begeistern und trösten zugleich. Doch er war kein Demagoge, keiner, der das Volk um sich schart und dann von allen erwartet, dass sie ihm einen Palast bauen. Im Gegenteil: Er hat immer geteilt, die Menschen in seiner Nähe wurden satt, auch wenn es mal so schien, als sei nur wenig zum Essen da. Wir, die engen Freunde, konnten selbst oft nicht verstehen, wie er das machte. Nichts, aber auch gar nichts Böses hat er getan: Vielleicht war gerade das der Grund, weshalb einige Mächtige auf ihn aufmerksam wurden und ihn fürchteten. Was – so fragten sie sich – was soll man einem entgegenhalten, der in seinem Reden und Tun nur die Liebe als Argument akzeptiert? Und dann wurde die Gewaltspirale gegen ihn in Gang gesetzt. „Der muss weg!“ – das war die einhellige Meinung der religiösen Anführer. Und die Römer, die ja eigentlich das Sagen haben, wollten sich dieser Macht nicht in den Weg stellen.


Es ist furchtbar und wir stehen alle unter Schock. Was soll denn nun werden, ohne ihn, ohne seine Liebe? Judas, der ihn verraten hat, der hat sich das Leben genommen. Er konnte seinen Verrat nicht mehr ertragen. Das viele Geld, das er dafür kassiert hat, bringt ihm nichts mehr. Damit kann allenfalls die Beerdigung bezahlt werden. Petrus, der große kraftvolle Petrus, er hat ihn verleumdet, drei Mal, so wie Jesus es gesagt hatte. Und als der Hahn krähte, da wusste er, dass er der Liebe dieses Mannes nicht gewachsen war. Unten am Berg mussten wir zusehen, wie sie ihn an das Kreuz banden und es aufrichteten. Wie sie um seine paar Kleider würfelten und ihn selbst im Sterben noch entwürdigten. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass er in Frieden sterben darf, ohne diese Schmerzen, ohne das Geläster der Umherstehenden. Wie sehr habe ich mir gewünscht, dass er wirklich Gottes Sohn ist und wahr wird, was er uns versprochen hat: Unsere Tränen wollte er abwischen, und er erzählte von einer Zeit, in der kein Schmerz mehr sein wird, und kein Tod. Von einem Ort, an dem wir alle, alle in Gott geborgen sind.
Nun jedoch weinen wir um unseren Herrn und können nicht verstehen, dass das passieren musste. Wir haben seine letzten Worte im Ohr, die uns das Herz brechen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Müssen Menschen so sterben? In dieser Verlassenheit? Können wir nicht einander so begegnen, dass im Sterben alles zur Ruhe kommt, was da war an Konflikten und alten Geschichten? Können wir nicht einander so begegnen, dass alle Gewalt an Mensch und Kreatur ein Ende nimmt? Keine Kriege mehr, und keine misshandelten Kinder? Keine Diagnosen zum Tode und keine gebrochenen Herzen? Von dieser Welt träumte unser Jesus, und nun ist er tot.
Gleich nach seinem Ableben heute Nachmittag geschahen seltsame Dinge. Der Vorhang im Tempel, der das Heilige verdeckt, er zerriss. Plötzlich ist der Blick auf dieses Allerheiligste frei gegeben – und die Hohepriester sind nicht mehr die einzigen, die da reindürfen. Einige erzählten, sie hätte offene Gräber gesehen – dabei musste ich wieder an Jesus denken, der uns ja angekündigt hatte, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gebe. Unglaublich ist das – aber was soll man in diesen Tagen schon noch glauben und was nicht? Vielleicht hat unser Leben tatsächlich ein Ziel, vielleicht war Jesu Tod nicht umsonst? So viele Fragen, die mich umtreiben, und so wenige Antworten – doch vielleicht gelingt die Hoffnung gerade dann: Wenn wir die Fragen aushalten, ohne immerzu gleich eine Antwort zu bekommen?
Ich bin Maria Magdalena, und ich bin eine sehr traurige Frau, die heute ihren Lieblingsmenschen verloren hat. Aber wer weiß, was kommt in diesen Tagen!

31 Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen.
32 Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.
33 Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte,
34 gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken.
35 Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.
36 Und sie saßen da und bewachten ihn.
37 Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.
38 Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.
39 Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe
40 und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!
41 Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen:
42 Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben.
43 Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.
44 Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
45 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.
46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
47 Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia.
48 Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken.
49 Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!
50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.
51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.
52 Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf
53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.
54 Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
55 Und es waren viele Frauen da, die von ferne zusahen; die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt und hatten ihm gedient;
56 unter ihnen war Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

Amen
– und ein kleiner Vorausblick: https://youtu.be/8FzXf3wFUrA