Predigt von Ostersonntag, 12. April 2020 von Reinhard Walzer

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für Ostern nach der neuen Perikopenordnung steht bei Lukas im 24. Kapitel, so ziemlich die letzten Verse seines Evangeliums:

Als die Jünger von ihm redeten, trat Jesus selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin´s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freud und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm´s und aß vor ihnen.
Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.



Liebe Gemeinde,

da sind die Jünger beieinander und berichten sich gegenseitig von den Begegnungen mit dem auferstandenen Christus: Die zwei Emmaus-Jünger, gerade nach Jerusalem zurückgekehrt, und die im Haus versammelten, die sagen, er sei Petrus erschienen. Sie sind geradezu im Ostertaumel.

Und dann kommt Jesus und sie erkennen ihn nicht, erschrecken, fürchten sich. Er kommt offensichtlich anders, als die Jünger es erwartet haben.

Normalerweise erwarten wir in der Karwoche und zu Ostern Gottesdienste, in denen wir den Weg Jesu mitgehen können, und Abendmahl, in dem er uns ganz inwendig wird. Oder eine Aufführung der Matthäuspassion und dann Osterlieder und Osterlachen. Oder mit den Enkeln Ostereier suchen gehen. Im Normalfall gehört die Gemeinschaft, Kirchengemeinde und Familie da fest dazu.

Im Evangelium steht, wie die Jünger überrascht waren von der Art, wie Jesus zu ihnen kam. Wie könnte er heute in anderer Form zu uns kommen?

Etwa, dass im Kontrast zu Corona-Kontaktsperren die Sonne scheint und der Frühling blüht. Wie in dem 1942 geschriebenen Lied des Juden Schalom Ben – Chorin: „Freunde, dass der Mandelzweig“, im Evangelischen Gesangbuch Nr. 655. Darin geht es um das Blühen als Hinweis auf Gottes Zuwendung, trotz des Krieges.

Oder die vielen kleinen Hoffnungsgeschichten, die Anrufer im Radio erzählen: von Zeugnissen der Nachbarschaftshilfe, von Liedern bis zu neuen Ideen zu Internet.
Das geht ja auch durch unsere Gemeinde, wenn ich mit älteren Leuten spreche, erzählen sie meist, wie sie versorgt werden und dass da jemand da ist, ein Neffe, ein Nachbar.

Wie kommt Jesus zu Ostern? An unserem Evangelium wird klar: Es kommt der Gekreuzigte. Er zeigt seine Hände und Füße, also seine Wunden von den Nägeln am Kreuz. Ostern ist nicht ohne Karfreitag denkbar.

Deutlich wird das an dem Passionslied: „Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zu Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.“ Im EG Nr. 97. Da hat jeder der sechs Verse die Struktur: Karfreitag – Ostern, schön gezeigt an verschiedenen Lebensbereichen.

Uns selber liegt mit Corona, Kontaktsperre und ungewisser Zukunft ja der Karfreitag viel näher als Ostern. Und so geht unsere Bewegung wie in dem Lied, wie im Evangelium in immer neuen Anläufen vom Tod zum Leben.

In der Apostelgeschichte, auch von Lukas, erzählen die Apostel, die ersten Christen dann von Jesus und seiner Auferstehung. Da kommen viele zum Glauben, andere aber auch nicht. Jedenfalls die Verkündiger von Jesu Auferstehung sind sich ihrer Sache völlig gewiss. Die Auferstehung Jesu ist die Mitte ihres Denkens.

Das kann auch Blüten treiben: So wurde der Theologiestudent Matthias Claudius aufgefordert, die Beerdigungspredigt für seinen verstorbenen Bruder zu halten: Als Zeugnis von der Auferstehung der Toten. Das wurde ihm zugemutet, er war in ganz anderen Gedanken, in Trauer. Der Anspruch, dass ein Pfarrer immer die Auferstehungshoffnung in der Tasche haben müsste, hat mit dazu geführt, dass er sein Theologiestudium hingeschmissen hat und Schriftsteller wurde: „Der Mond ist aufgegangen“ EG 482.

Mir gefällt an unserem Evangelium gerade dies: Die Jünger legen einen Weg zurück, bis sie Jesus erkennen und sich freuen. Oder besser: Jesus führt sie einen Weg. Denn durchgehend ist Jesus, ist Gott hier der Handelnde: Er tritt unvermittelt ein, er erkennt ihre Stimmung, er geht auf ihre Fragen ein, er legt die Schrift aus, er kündigt die Zukunft an, und er geht wieder. Die Jünger werden geführt.

Ostern kommt wie jedes Jahr am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. Und wir dürfen uns von dem tragen lassen, was wir davon mitbekommen, sei es viel oder wenig. Dieses Jahr werden die Wege Jesu, die Wege Gottes vielleicht andere sein, neue, überraschende. Wie kam er zu Ihnen?

Amen.