Gedanken zu Misericordias Domini am 26. April 2020

Liebe Gemeinde,


denken wir uns mal in eine Situation rein, die wir uns nicht denken können. Niemand von uns (behaupte ich).


Solomon Northup ist ein freier Afro-Amerikaner, der in New York als freier Tischler arbeitet. Seine wahre Leidenschaft ist allerdings die Musik, und als zwei vorgebliche Zirkus-Betreiber ihn in Washington DC als Musiker engagieren wollen, wirft er seine Bedenken über Bord. Wenig später findet sich Solomon seiner Identität beraubt in Louisiana wieder, wo er als Sklave arbeiten muss. Sollte er je seinen wahren Namen und seinen Status als freier Mann erwähnen, so sagten sie ihm, werde er sterben. In den folgenden zwölf Jahren wechselt er mehrmals den Besitzer, und damit auch oft die Beschäftigung und die Art, wie er behandelt wird. Hoffnung blüht erst auf, als er auf der Plantage von Edwin Epps den weißen Tischler Samuel Bass kennenlernt. Ihm vertraut er eine Nachricht an seine Familie an, welche in New York einen befreundeten Anwalt engagiert, um Solomon nach zwölf Jahren als Sklave endlich zu befreien und nach Hause zu bringen.


„Twelfe years a slave“ heißt der Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht und vor einigen Jahren in den Kinos lief. Die Peitschenhiebe, die Solomon erleidet, die Art, wie seine weißen Herren ihn mit der Bibel in der Hand behandeln, seine ganze Geschichte ist von solch bedrückender Finsternis, dass ich es teilweise fast nicht ausgehalten habe, den Film bis zu Ende zu schauen.

Und jetzt lesen Sie mal den ersten Teil unseres Predigttextes aus dem ersten Petrusbrief (1 Petrus 2):

18 Ihr Sklaven und Sklavinnen, ordnet euch euren Herren und Herrinnen unter, und erweist ihnen den schuldigen Respekt, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launischen.
19 Es ist eine Gnade Gottes, wenn jemand ohne Schuld nur deshalb Kränkungen erfährt und leiden muss, weil er im Gewissen an Gott gebunden ist.
20 Habt ihr etwa Grund, euch zu rühmen, wenn ihr ein Unrecht begangen habt und dafür geschlagen werdet? Aber wenn ihr das Rechte getan habt und dafür leiden müsst, ist das eine Gnade von Gott.


Geht´s noch, Petrus? Eine Gnade Gottes ist es, als Sklave unter einem Herrn zu leiden? So, so! Weißt du, Petrus, welche Wirkungsgeschichte deine Worte entfaltet haben? Weißt du, dass diese total gestörten Schlägertypen, die sich Solomons Herren nannten, die Bibel in der Hand hielten und tatsächlich glaubten, dass Gott das alles gutheiße?

Manchmal lese ich in der Bibel Texte, denen ich sehr dankbar bin für die Hoffnung, die sie mir machen. Und manchmal lese ich Texte, die ich beim besten Willen nicht verstehe. Doch auch, wenn man sich an einem Text reibt und sich ärgert, bringt er einen weiter. Lesen wir mal die Fortsetzung:

21 Und eben dazu hat er euch berufen. Ihr wisst doch: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan; nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.«
23 Wenn er beleidigt wurde, gab er es nicht zurück. Wenn er leiden musste, drohte er nicht mit Vergeltung, sondern überließ es Gott, ihm zum Recht zu verhelfen.
24 Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib. Damit sind wir für die Sünden tot und können nun für das Gute leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
25 Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben; jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt.


Natürlich ist es aus christlicher Sicht unmöglich, die Sklaverei gut zu heißen. Weder bei Solomon Northup, noch in irgendwelchen Verhältnissen heute. Jesu Worte und Werke zeigen uns an so vielen Stellen, dass Unterdrückung, Gewalt und Ausbeutung unmöglich das sein können, was sich Gott der Schöpfer denkt. Darüber ist nicht zu verhandeln, da gibt es nichts zu relativieren. Aber was kann uns der Text dann doch Hilfreiches erzählen?


Vielleicht ist Jesu Vorbildcharakter wieder einmal eine Spur: Dieser Mensch wurde verspottet, ohne andere zu verspotten. Er wurde geschlagen, ohne andere zu schlagen. Er wurde ermordet, ohne schuldig zu sein. Durch all die Jahrhunderte sind immer wieder Menschen ihm gefolgt, auch unter Lebensgefahr. Das verlangt unser Alltag hierzulande nicht ab. Doch vielleicht hilft es uns, zu diesem Menschen Jesus aufzusehen und im Aufsehen auf ihn von uns selbst abzusehen: Gerade in dieser Zeit der Pandemie die eigenen Befindlichkeiten nicht für das Zentrum des Universums halten, sondern im Kleinen wahrnehmen können, was buchstäblich not-wendig ist. Manche Zumutung, manche Meinung aushalten, und dabei wahrnehmen, dass nicht jeder Meinungsposaunist auch ein Verantwortungsträger ist.


Misericordias Domini – so heißt der Sonntag im Kirchenjahr: Die Barmherzigkeit Gottes. Ich wünsche uns ein Gespür für diese Barmherzigkeit, eine Ahnung davon, dass wir begnadet sind, weil ein Hirte es gut mit uns meint. Selbst Solomon Northup ließ sich von diesem Glauben nicht abbringen.



Stefan Schwarzer