Predigt vom 16.08.2020 (10. Sonntag nach Trinitatis)

Von Pfarrer Stefan Cohnen

Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

(Lukas 18,9-14)



Liebe Gemeinde,


da sind also zwei Männer im Tempel. Beide sind zum Gebet dahin gekommen. Doch sie könnten unterschiedlicher nicht sein.



Da ist zum einen ein Pharisäer, ein Gottesfürchtiger. Pharisäern ist die Tora, ist die Heilige Schrift und deren Auslegung wichtig. Sie sind Schriftgelehrte und sie sind insbesondere darauf aus, die Gebote der Bibel und die Gebote, die sie aus der Heiligen Schrift ableiten, zu befolgen. „Pharisäer“, das heißt auf Deutsch: „Abgesonderte“ – und das ist am Ende fast das gleiche Wort wie „Heilige“, Pharisäer versuchen, ein Leben entlang den Geboten Gottes zu führen.


Den Pharisäer stelle ich mir vor, wie er zentral im Tempelsaal steht, während irgendwo hinten in der Ecke, hinter einer Säule womöglich eine weitere Gestalt steht. Es ist ein Zöllner, der ebenfalls zum Gebet in den Tempel gekommen ist.


Im römischen Reich werden die Steuern nicht direkt vom Staat eingezogen. Vielmehr wird das Eintreiben der Steuern verpachtet – und das ist dann die Aufgabe der Zöllner: Sie zahlen einen festen Betrag an den Staat und versuchen dann, möglichst viel aus den Leuten herauszupressen, denn der Gewinn geht am Ende in die eigene Tasche. Und das macht Zöllner zu äußerst zwielichtigen und – ja: verhassten Leuten in Israel.


Genaueres wissen wir nicht über die beiden. Wir wissen nur: Da ist ein Pharisäer – und da ist ein Zöllner. Diese Zwei also stehen zeitgleich – und doch so grundverschieden – im Tempel. Nicht beieinander. Aber beide ins Gebet versunken.


Der Pharisäer spricht ein Dankgebet. Und das ist zunächst einmal festzuhalten. Nicht wie viele andere kommt er in einer persönlichen Notlage daher, um – wenn denn nichts anderes hilft – nun eben Gott darum zu bitten, dass dieses abgewendet werden oder jenes gelingen möge. Nein: Der Pharisäer dankt Gott. Und solcher Dank drückt auch aus, dass er um Gottes Größe weiß, dass er erkennt, dass nichts selbstverständlich ist, dass wir, dass er von Gottes Gnade leben.
Konkret dankt dieser Pharisäer dafür, dass er so sein kann, wie er ist. Dass er nicht stiehlt, dass er gerecht ist und kein Ehebrecher, dass er regelmäßig fastet und den Zehnten geben kann. Dieser Mann versucht, ein gottgefälliges Leben zu führen. Und es scheint ihm weitestgehend zu gelingen. Wofür er dankbar ist.


Der Zöllner hingegen dankt nicht – er bittet. Und seine Situation, sein Lebenswandel womöglich scheint ihn schwer zu belasten. Denn er ist nicht in der Lage, gen Himmel zu blicken. Vielmehr steht er versunken, eingesunken im Hintergrund. Anstatt die Hände zu erheben oder zu falten schlägt er sich mit der Faust gegen die Brust. Vermutlich hat der Zöllner allen Grund, sich so zu verhalten. Wir können nur ahnen, was er alles auf dem Kerbholz hat. Unzähligen wird er überhöhte Steuergebühren abverlangt haben. Nicht zu wenige werden durch sein Geschäftsgebaren an den Rand ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten gedrängt worden sein. Vielleicht weiß er selbst nicht, wie viele Existenzen er auf dem Gewissen hat. Doch dieses Gewissen meldet sich nun in der Stunde des Gebets
in diesem Eck hinten im Tempelsaal.
Und so betet also der Zöllner. So bittet er. Und er sagt gar nicht viel. Kann wohl auch nicht viel vorbringen. Er bittet nur und hofft allein auf Gottes Gnade. Er, der um sein Sünder-Sein weiß,
weiß sonst nichts mehr zu sagen.



Zwei Menschen also im Tempel. Zwei Betende, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Ein tadelloser Pharisäer und ein elendiger Zöllner. Jesus aber erzählt von diesen beiden mit dem Schluss, dass der Zöllner gerechtfertigt vom Tempel nach Hause geht – im Gegensatz zum Pharisäer. Der Zöllner erfährt – unabhängig von dem, was er tut – Jesu Zustimmung, während der Pharisäer, obwohl er alles richtig macht, von Jesus abgelehnt wird. Was ist denn aber am Ende dem Pharisäer vorzuwerfen – und was dem Zöllner zugute zu halten?


Wir müssen wohl auf den Wortlaut des Gebets achten. Ja, der Pharisäer dankt für all das, was bereits aufgezählt wurde: Dass er nicht stiehlt, dass er nicht ungerecht ist und kein Ehebrecher, dass er regelmäßig fastet und den Zehnten geben kann. Und: Er dankt dafür, dass er nicht ist wie dieser Zöllner, dessen Gegenwart im Tempel ihm nicht verborgen geblieben ist. Gott sei Dank bin ich nicht so wie der!


Im Gegenüber dazu das Gebet des Zöllners: Gott, sei mir Sünder gnädig! Wahrlich wenige Worte. Und doch ist der Unterschied zum Gebet des Pharisäers wohl der, dass es dem Zöllner allein um die Beziehung zwischen ihm und Gott geht. Hier der Gnade suchende Sünder – dort der große Gott.



Diese grundsätzliche Unterscheidung findet sich auch beim Pharisäer: Hier der allein Dank sagen könnende Mensch – dort der große Gott. Doch darüber hinaus formuliert er auch einen zwischenmenschlichen Unterschied: Hier der Mensch, der auch stolz sein kann auf das, was er alles Gutes tut – und dort ein Mensch, der nichts vorzuweisen hat.


Das ist der springende Punkt bei der Gegenüberstellung von Pharisäer und Zöllner: Dass sich der Pharisäer über den Zöllner stellt. Deshalb kann Jesus am Ende sagen: Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.



Und doch ist die Geschichte, die Jesus da im Lukasevangelium erzählt, problematisch. Diese Gegenüberstellung von Pharisäer und Zöllner bietet mindestens zwei Fallstricke, die wir beachten sollten.



Da ist zum einen die Abwertung des Pharisäers, die in diesem Gleichnis vorgenommen wird. Denn: Auf die Abwertung des Zöllners durch den Pharisäer folgt auf dem Fuße die Abwertung des Pharisäers durch das Gleichnis – durch uns. Gott sei Dank bin ich nicht so wie der! So denken nun wir im Blick auf den Pharisäer. Und verfangen uns womöglich in jenem Fallstrick, dass nun wir uns erhöhen angesichts der Erniedrigung des Pharisäers.


Eugen Roth hat das in einem Gedicht so formuliert:


Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
Gottlob! rief er in eitlem Sinn,
dass ich kein Pharisäer bin!


Eitelkeit ist es, die uns auf beiden Seiten vom Pferd fallen lassen kann. Eitelkeit, weil ich glaube, alles richtig zu machen – oder Eitelkeit, weil nur ich so richtig demütig bin. Die Frommen, die Jesus bei diesem Gleichnis im Auge hat, sind in beide Richtungen gefährdet. Und die Gerechten sind am Ende nur selbstgerecht.


Sicher: Der Pharisäer entlarvt sich durch sein Gebet, aber er tut das Rechte. Ob der Zöllner wahrhaft demütig ist, oder, nachdem er den Tempel verlässt, nur umso fröhlicher sündigt: Wir wissen es nicht. Beides jedoch, Hochmut und Ungerechtigkeit, sind nicht im Sinne Gottes.



Und da ist noch ein zweiter Fallstrick – und der hat mit einem Schwarz-Weiß-Denken zu tun, das noch über diesen Text hinausweist. Denn wenn wir dieses Gleichnis allzu oberflächlich lesen, dann haben wir zwei Abziehbilder, zwei Stereotypen vor uns: Hier der Zöllner, da der Pharisäer. Hier der reuige Sünder, da der nur selbstgerecht gute Werke tut. Wenn wir nicht aufpassen, steht uns hier das aufgewertete Christentum vor Augen – und da das abgewertete Judentum.


Heute ist Israelsonntag. Es ist dieser Sonntag im Kirchenjahr, der uns evangelischen Christen den unverbrüchlichen Bund Gottes mit seinem Volk in Erinnerung ruft – gerade auch angesichts der Verbrechen am jüdischen Volk und – wie wir leider feststellen müssen – angesichts des fortgesetzten Antisemitismus´ auch in diesen Tagen.


Über das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner nachzudenken, muss heute auch bedeuten, jegliches Schwarz-Weiß-Denken in Frage zu stellen. Denn das kann tödlich sein.



Pharisäer und Zöllner, Juden und Christen: Am Ende leben wir alle von Gottes Gnade, von Gottes Erbarmen.

Amen.