Predigt vom 19. Juli 2020 (6. So. n. Trinitatis)

 Kurz vor dem Überschreiten des Jordans, liebe Gemeinde, wird es noch einmal sehr grundsätzlich. Im 5. Buch Mose wird dem wandernden Gottesvolk – und wird uns erklärt, wie es sich verhält mit dem „auserwählten Volk“.
In der Bibel heißt es:
Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt  zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte,
den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.


Israel, so hören wir, ist das auserwählte Volk. Es hat nichts dazu beigetragen. Israel kann sich nichts zu Gute halten. Denn es ist ein kleines und schwaches Volk. Dass Israel auserwählt wurde, hat es allein Gott zu verdanken. Es ist seine Liebe, es ist seine Treue, weswegen Israel auserwählt war – und auserwählt ist.
Dass sich Gott den Schwachen, den Kleinen zuwendet: Das geht so durch die ganze Bibel hindurch. Das war auch so bei Jakob, der dem älteren Bruder Esau vorgezogen wurde. Oder bei David, der als kleinster seiner Brüder von Samuel ausgewählt wurde – und der noch dazu
den Riesen Goliath überwand.
Gott hält zu den Kleinen, den Schwachen. Und so also auch zum kleinen Volk Israel – und eben nicht etwa zum großen und mächtigen Ägypten.

Diese Liebe aber ist beständig. Denn natürlich könnten wir einwenden – und die Bibel selbst
formuliert das immer wieder: Allzu vorbildlich hat sich Israel nicht verhalten. Es hätte genug Gründe dafür gegeben, dass Gott dieser seiner Liebe hätte überdrüssig werden, dass er Israel hätte fallen lassen und sich anderen, ebenso schwachen Völkern hätte zuwenden können.
Aber: Gott ist treu. Er hält seinen Bund bis ins tausendste Glied – wie es in unserem Predigttext heißt. Darum bleibt Israels Erwählung.

Und Israel könnte sich etwas darauf einbilden. So wie andere Nationen meinen, sie könnten sich etwas auf ihre Stellung einbilden. „God´s own country“ zum Beispiel, wie sich die Vereinigten Staaten selbst nennen. „America first!“ ist das dazu passende Motto.
Entsprechend könnte sich nun also auch Israel verstehen – ja, hätte ungleich mehr Grund, sich so zu verstehen. „Israel first!“ –das klingt wie eine logisch Folge der göttlichen Erwählung dieses Volkes.
Erwählung ist allerdings nicht unbedingt und nicht ausschließlich ein Privileg. Genau das formuliert auch das 5. Buch Mose. Denn nachdem Gottes Erwählung und Liebe und Treue beschrieben wird, betont unser Text auch das Folgende:
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Nicht Privileg, sondern Aufgabe: Halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Israels Antwort auf Gottes Barmherzigkeit ist das Halten von Geboten, Gesetzen und Rechten. Und diese Gebote, Gesetze und Rechte wiederum sind besonders an den Schwachen und an den Kleinen ausgerichtet. Sprichwörtlich geworden sind die Witwen und Waisen, für die sich die Auserwählten einsetzen sollen. Und auch die Fremden im Land sollen Hilfe erfahren: Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. So heißt es ebenfalls im 5. Buch Mose – nur 3 Kapitel weiter.
Erwählung bedeutet Aufgabe. Und es ist Israels Aufgabe, seine Gebote, Gesetze und Rechte zu halten, insbesondere auch die Gebote zum Schutz der Schwachen und Kleinen.

Und darüber hinaus ist es auch unsere Aufgabe, Gottes Gebote zu halten. Denn wir sind durch Jesus Christus mit hineingenommen in den Bund Gottes. Auch wir Christinnen und Christen dürfen auf Gottes Liebe und Treue und Barmherzigkeit hoffen.
Darum können wir etwa den Wochenspruch aus dem Jesajabuch auch auf uns beziehen:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn wir Taufe feiern, wird dieser Vers oft zitiert.

Allerdings können auch wir uns auf der Zusage nicht ausruhen. Das wäre – mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen – „billige Gnade“. Nein, auch für uns gilt, dass, wenn wir diese Rechte hören und sie halten und danach tun, so wird der Herr, unser Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er Israels Vätern geschworen hat.

Was wir nun also tun können?
Zu den Schwachen und Kleinen, zu denen, die zu beschützen wären, gehören so viele in unserer Gesellschaft und auf diesem Planeten, dass wir wohl immer nur beispielhaft Gutes tun können. Doch der Talmud weiß:
Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.
Also dann: Lasst uns nur mal kurz die Welt retten. Und heute fangen wir damit an.
Amen.