Predigt vom 5. Juli 2020 (4. So. n. Trinitatis)

Dies wird, liebe Gemeinde, dies wird eine Verteidigungsrede.
Aber: Wen oder was meine ich verteidigen zu müssen? Und warum?
Nun, dies ist eine Verteidigungsrede für Recht und Ordnung. Und es ist – irgendwie zumindest auch – eine Verteidigungsrede für mich. Für mich gegenüber vermeintlichen und auch tatsächlichen Infragestellungen.
Muss ich denn nun ausgerechnet im Schwabenland eine Verteidigungsrede für Recht und Ordnung halten?
Nein, es geht nicht um die Vorfälle vor zwei Wochen in der Stuttgarter Innenstadt. Es geht nicht darum, dass – wie zu lesen war – sich auch die Esslinger Polizei Sorgen macht, dass Krawall auch hier passieren könnte. Nein, es geht mir zunächst einmal um die Frage von Recht und Ordnung in unserer Kirche.

Dabei ist es ja nicht so, dass ich nicht am Recht und an der Ordnung unserer Landeskirche mitunter am Verzweifeln wäre. Ich erinnere mich zu gut an den Herbst 2017, als in der Landessynode die Segnung gleichgeschlechtlich Liebender an einer einzigen Stimme im Kirchenparlament scheiterte. Weshalb solche Segnungen bis vor Kurzem weiterhin jenseits von Kirchenrecht und Kirchenordnung standen. Inzwischen hat sich die Landeskirche an dieser Stelle – ich möchte sagen: Gott sei Dank – bewegt.
Am Recht und an der Ordnung – nun ja: nicht verzweifeln, aber doch fast täglich damit ringend und die Verordnungstexte kauend: Das war in den letzten Wochen und Monaten mein Geschäft als geschäftsführender Pfarrer. Augenscheinlich hatte der Herr Pastor nichts mehr zu tun, gab es doch weder Gottesdienste noch Unterricht noch Hausbesuche. Dafür aber das unsichtbare tägliche Studium der Verordnungen von Land und Kirchenleitung, um zu prüfen, was für uns zu beachten ist – und was nicht. Um dann wenigstens noch das zu tun, was überhaupt noch zu tun gestattet war und ist.

Übrigens sind Mitte der vergangenen Woche neue Bestimmungen über uns gekommen. Lockerungen, um genau zu sein. Es darf wieder gesungen werden. Aber nur mit Maske. Und es dürfen wieder unbegrenzt Menschen den Gottesdienst besuchen. Aber weiterhin nur mit einem Mindestabstand von zwei Metern,
sofern sie nicht in einem Haushalt wohnen. Wie wir das in Oberesslingen konkret umsetzen, was dann also ab nächsten Sonntag sein darf, deswegen werden wir uns übermorgen zusammensetzen.

Ja, dieses Recht und diese Ordnung sind mühsam. Und trotzdem sind sie wichtig und richtig. Halte ich sie für so wichtig und so richtig, dass ich es als meine Aufgabe ansehe, dafür einzustehen, mich deswegen hinzusetzen – und ja: Manchmal macht es mir sogar Spaß, mich darum zu kümmern.
Aber kann und darf einem Pfarrer so etwas Spaß machen? Denn das ist die Infragestellung. Das ist es, weswegen ich meine, mich verteidigen zu müssen. Wo – so lautet dann die Frage – wo bleibt denn da das Spielerische? Wo bleibt die Spontaneität? Wo lasse ich denn da noch Raum für den Heiligen Geist?

Erst an Pfingsten habe ich an eben dieser Stelle davon gesprochen: Der Geist hat doch auch etwas Spielerisches. Von Träumen und Visionen ist die Rede und – ja auch – von etwas Rauschhaftem.
So der Wortlaut meiner Pfingstpredigt. Und heute verteidige ich Recht und Ordnung. Kann sogar behaupten, dass ich einen gewissen Spaß daran hätte.

Muss ich mich dafür verteidigen? Gerade mal fünf Wochen nach Pfingsten, einen guten Monat nach dem Fest des Heiligen Geistes eben diesen an die Seite zu stellen und das Hohe Lied der Verwaltung zu singen:
Ja, ich meine, mich dafür verteidigen zu müssen. Zumal das Eintreten für Ordentlichkeit so gnadenlos spaß-befreit daherkommt – und weil dies doch gerade das Vorurteil bedient, das den Amtskirchen allenthalben entgegenweht: Dass es bei uns ja doch nur langweilig und staubtrocken zugeht, dass es, wenn sich überhaupt etwas bewegt, der galoppierende Amtsschimmel ist – und sonst gar nichts.
Vielleicht, ganz vielleicht ist jetzt meine Verteidigung von Recht und Ordnung ja so lebhaft, dass dieses Vorurteil wenigstens der Form halber nicht noch mehr bedient wird – dem Inhalt nach jedoch schon.
Trotzdem: Wir brauchen Recht und Ordnung. Und dafür gibt es gute Gründe.

Ich finde gute Gründe – in der Bibel. Schon früh in der Geschichte Israels liegt ein Hauptaugenmerk auf dem Rechtsprechen. Das Volk Israel ist noch nicht am Gottesberg angekommen, die Israeliten haben noch gar keine Zehn Gebote, haben noch gar nicht die Tora empfangen, schon stellt sich die Frage, wie denn dem ganzen Volk Recht gesprochen werden kann, wie denn den vielen Anliegen der vielen Menschen auf der Wüstenwanderung entsprochen werden kann.
Und so kommt es, dass Mose einen Ratschlag seines Schwiegervaters Jitro aufnimmt. Der nämlich rät ihm, Richter einzusetzen, damit das Recht mehrerer Menschen gleichzeitig gewahrt werden kann, damit Streitfälle nicht warten müssen, bis sie entschieden werden können. Die Richter aber sollen redliche Leute sein, die Gott fürchten, wahrhaftig sind und dem ungerechten Gewinn feind. (Ex 18,21)
Es geht – so verstehe ich diese Geschichte – es geht nicht vordergründig um den Buchstaben des Gesetzes,
denn diese Buchstaben sind ja noch gar nicht da, sondern es geht zunächst einmal um die Haltung derer, die sich der Nöte der anderen annehmen. Und die natürlich hoffen, dass ihren Anliegen Rechnung getragen wird, dass sie im Guten auseinander gehen können.

Dass dies keine überholte Gesetzlichkeit darstellt, das belegt nun auch der heutige Predigttext aus dem Römerbrief. Denn auch Paulus weiß, dass es Regeln braucht fürs Zusammenleben, dass es nach einer gewissen Ordnung gehen muss – in einer Gemeinde und auch im Zusammenleben über die Gemeinde hinaus, in die Gesellschaft hinein. Und während Jitro Redlichkeit und Unbestechlichkeit betont, schreibt der Apostel von anderen, diese ergänzenden Grundeinstellungen. Da heißt es:
Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,17-21)
Paulus formuliert auch hier Grundeinstellungen, die dem Einhalten von Recht und Ordnung dienen: Die Liebe zum Frieden – und auf das Gute bedacht sein, nicht auf Rache. Dahinter steckt die Einsicht, dass wir die absolute Gerechtigkeit nicht erreichen werden – und dies getrost Gott überlassen können. Und gleichwohl können wir viel Gutes tun. Doch dafür braucht es einen Rahmen: Den Rahmen von Recht und Ordnung. Und der muss gewährleistet sein.

War diese biblische Begründung überzeugend? Nun, ob alte Texte von einer aktuellen Notwendigkeit überzeugen können: Das muss wohl jede und jeder für sich entscheiden. Und sie machen die Sache auch nicht unbedingt cooler.
Für einen Pfarrer ist es andererseits nicht schlecht, sich auf die Bibel berufen zu können. Und darüber hinaus bilden der rechtliche und ordentliche Rahmen die Grundlage dafür, dass wir gut miteinander umgehen; dass wir Gutes miteinander voranbringen können; dass wir Demokratie leben können – in der Gemeinde und in der Gesellschaft.

Und an der Stelle wird es dann doch wieder spannend. Denn indem unser Recht und unsere Ordnung uns einen Rahmen geben für das Aushandeln dessen, wohin diese Gemeinde, wohin auch die Gesellschaft gehen soll, geht es am Ende vor allem: um Kommunikation.
Es geht darum, die Regeln für unser Zusammenleben zu verstehen und verständlich zu machen. Es geht darum, für Regeln zu werben, indem deutlich gemacht wird, wem die Regeln dienen: den Schwachen nämlich, denen, die Unterstützung benötigen. Es geht dann auch um die Infragestellung von Regeln, und darum, aus den immer wieder sich ändernden Regeln und Rahmenbedingungen Grundsätzliches für die Zukunft zu lernen. Und so vielleicht Visionen zu entwickeln – innerhalb des vorgegebenen Rahmens
und auch darüber hinaus.
Und das kann Spaß machen. Ja, möglicherweise bekommt da sogar an der einen oder an der anderen Stelle der Heilige Geist einen Fuß in die Tür.
Amen.