Predigt vom 21. Juni 2020 (2. So. n. Trinitatis)

Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein…
Ja, liebe Gemeinde, das ist sicher richtig, was unser Wochenlied (EG 225) da formuliert: Er will kommen. Würde gerne kommen in Brot und Wein – aber: Noch herrscht auch Corona,
weswegen wir das mit dem Brot und dem Wein oder Traubensaft sein lassen sollten, sein lassen müssen.
Zu jedem will er kommen.
Und zugleich hören wir von der Gegenbewegung, hören wir diese Aufforderung im Wochenspruch, der auch der zentrale Satz unseres heutigen Predigttextes ist: Kommt her!
Wir sollen kommen. Wir sollen uns auf den Weg machen.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Und weiter heißt es:
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. So sagt es Jesus.

Mühselig und beladen
: Jedem und jeder von uns hier wird etwas einfallen, was ihn, was sie müht und beschwert. In die Erleichterung, hier in unseren Breiten bislang doch einigermaßen gut durch die Pandemie hindurch gekommen zu sein, mischen sich Sorgen um die wirtschaftlichen Folgen dieser Krise – und damit um Arbeitsplätze und Zukunftsaussichten.
Nach wie vor sind viele Familien unter Druck durch die Kombination von Homeoffice und Homeschooling, durch die Notwendigkeit, zeitgleich zuhause die Arbeit zu erledigen und die Kinder zu betreuen. Und sie fragen sich, wie und wann hier wieder so etwas wie Normalität einziehen könnte.
Und ganz davon abgesehen: Mühselig und beladen – das müssen wir wohl noch viel mehr in Verbindung bringen mit den Menschen etwa in Brasilien oder Indien, in den vielen Gegenden dieser Welt, die kein so gutes Krisenmanagement, kein so ausgebautes Gesundheitssystem, die eben und vor allem nicht so viel Geld haben wie wir und dieser Staat, diese Gesellschaft.
Mühselig und beladen:
Bedrückt von schon Jahrzehnte, Jahrhunderte währendem Rassismus sind allzu viele
Menschen mit weniger weißer Hautfarbe, People of Colour. Diese Problematik, diese Mühsal ist gerade – und notwendigerweise aktuell. Während andere Mühsal, anderes Leiden in den Kriegen und Konflikten dieser Welt gerade völlig in Vergessenheit geraten.
Aber alle, wir hier und weltweit alle hören diesen Ruf Jesu:
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

Ich will euch erquicken.
Zunächst einmal muss ich gestehen: Mir gefällt dieses Wort erquicken. Abgeleitet vom althochdeutschen quick, was so viel heißt wie: lebendig, kommt dieses Wort heutzutage
praktisch überhaupt nicht mehr vor, in der Lutherbibel aber immerhin fast 50 Mal. Die zwei prominentesten Beispiele haben wir heute schon gehört. Im 23. Psalm: Er erquicket meine Seele. Und eben hier im Predigttext aus dem Matthäusevangelium:
Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.
Was bedeutet: Ich will euch lebendig machen.
Wir, wir alle sollen zu Jesus kommen, wir sollen mit eben dem, was uns – jeden und jede ganz unterschiedlich – belastet, zu ihm kommen: Er will uns lebendig machen.

Jesus kann dies sagen mit der ihm von Gott gegebenen Autorität. Er ist der Sohn vom Vater. Er ist der gute Hirte. Was wir freilich erst einmal glauben müssten. Worauf wir vertrauen könnten, wenn wir uns auf das einlassen würden, was die Bibel uns erzählt von der Geschichte Gottes mit den Menschen. Davon, wie er etwa die Menschheit in der Flut bewahrt oder sein Volk aus der Sklaverei befreit. Der Sohn dieses Gott-Vaters –  er ruft uns zu: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Ich will euch lebendig machen.

In diesem Ruf steckt – zumindest vermeintlich – etwas Widersprüchliches. Denn zum einen wird anerkannt, dass wir mühselig und beladen, dass wir immer wieder niedergedrückt sind,
dass Menschen Erleichterung brauchen.
Zum anderen aber ist dieser Satz eine Forderung, eine Aufforderung: Kommt her! Bleibt nicht etwa sitzen, ruht euch nicht aus, nein: Setzt euch in Bewegung!
Dieser fordernde Charakter bleibt auch im darauffolgenden Satz erhalten. Denn da heißt es:
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir.

Kommt her! Nehmt das Joch! Lernt! Das klingt zunächst einmal nicht nach einem Wohlfühlpaket für geschundene Körper und Seelen. Das ist vielmehr eine unzweideutige Aufforderung zum Handeln.
Weil wir darauf vertrauen dürften, dass Gott es gut mit uns meint, könnten wir – trotz aller Beschwernis – nun nicht in der Klage, womöglich im Selbstmitleid verharren –  und uns fiele freilich viel ein, worüber wir klagen und weswegen wir wehleidig sein könnten – nein, wir sollen nicht klagen sondern wir sollen ins Tun kommen. Ja, wir sollen kommen, das Joch nehmen und lernen.
Das Joch sollen wir nehmen, genauer:  sein Joch, Jesu Joch sollen wir nehmen.

Nach jüdischer Überlieferung gibt es zweierlei Joche: Das Joch der Welt, die Herrschaft der Fürsten und Könige – und dem gegenüber das Joch der Tora, die Herrschaft der Gebote Gottes.Entweder das eine oder das andere: Unter eins von beiden hat sich ein Mensch zu stellen.
Am sinnhaftesten wird dies vielleicht in der Geschichte vom Auszug aus Ägypten. Die Israeliten fliehen vor der Unterjochung durch den Pharao – und gelangen am Berg Sinai unter die Herrschaft des göttlichen Gesetzes, unter das Joch der Tora.
Jesus nun aber identifiziert sich mit der Tora. Er ist – wie er an anderer Stelle sagt – nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir. Wir können von Jesus lernen, wie er das Gesetz erfüllt, wie er dem Willen Gottes entspricht – und eben nicht dem Willen der Welt, nicht den Absichten der herrschenden, der vor-herrschenden Strukturen.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.
Sanftmut und Demut: So fasst Jesus die Tora, das Gesetz zusammen. Das ist es, was wir von ihm lernen könnten. Keine Ellenbogen, sondern Zurückhaltung. Anstelle des Blicks auf sich,
das Schauen nach dem und der anderen.  Nicht soll gelten, dass, wenn jeder an sich selber denkt, dann irgendwie auch an alle gedacht ist.
Sanftmut und Demut: Jesus sagt, dass sein Joch sanft ist und seine Last leicht. Vermutlich gehört trotzdem der dazu, der in beiden Tugenden drinsteckt: Der Mut.
Mut, verletzbar zu sein.
Mut, eigene Interessen hintanzustellen in einem System, das doch in erster Linie auf der Durchsetzung eigener Interessen aufbaut.
Mut, sich zu öffnen für den Willen Gottes und für die Mühsal und die Last anderer.

Dahin sollen wir kommen. Dazu fordert Jesus uns auf – nicht ohne uns zugleich zu verheißen, dass er uns erquicken, dass er uns lebendig machen will, und dass wir so Ruhe finden werden für unsere Seelen.
Darum:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.        
Amen.