Predigt vom 28. Juni 2020 (3. So. n. Trinitatis)

Micha 7,18-20 – 28.6.2020

Liebe Gemeinde, Brüder und Schwestern in Jesus,


etwas aufgeregt betrat ich den Oberkirchenrat in Stuttgart. Ein paar Menschen dort wollten von mir wissen, weshalb ich gedenke, Theologie zu studieren und wie ich darauf komme, dass ich ganz gerne ein Stipendium des Evangelischen Stifts in Tübingen in Anspruch nehmen möchte. Ich war darauf vorbereitet, dass ich auf diese Fragen zu antworten hatte und zitierte einen Vers des biblischen Propheten Micha. Klar, als junger Mensch kurz nach dem Abi wird man da leicht etwas pathetisch, und drum antwortete ich mit Michas Worten: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Hört sich pathetisch an, ja, aber ich meinte es wirklich so: Im Aufsehen auf Gott lebenslang und immer neu herausfinden, was Liebe konkret bedeutet, dazu die Erkenntnis, dass dies ohne Demut nicht möglich sein würde. Das Theologiestudium konnte also beginnen. Doch unser Predigttext ist gar nicht dieser Vers, sondern ein kleiner Abschnitt im folgenden Kapitel – dort heißt es:


Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt,
an Aufsässigkeit vorübergeht
beim Rest seines Eigentums!
Nicht hält er seinen Zorn für immer fest,
denn er ist einer, der Güte liebt.
Er wird sich unser nochmals erbarmen,
er wird unsere Vergehen zertreten.
Du versenkst in die Tiefe des Meeres
Alle unsere Verfehlungen.
Du wirst Jakob die Treue schenken
Und Abraham die Güte,
die du unseren Vätern geschworen hast
seit den Tagen der Vorzeit.


Was für ein großer, großartiger Sprung: Freilich hat Gott Forderungen an uns, an seine Menschenkinder – sein Wort halten, Liebe üben, demütig sein. Aber nachdem dies klargestellt ist, zeichnet uns Micha im Anschluss ein Bild Gottes voller Güte und Weite: Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt – Gott ist sich also nicht zu schade, den Mist wegzuschleppen, den wir bauen. Wer ist ein Gott wie du, der an Aufsässigkeit vorübergeht – herrlich, oder? Wir kleinen Menschenkinder sind aufsässig, bemitleiden uns manchmal für ein paar Kleinigkeiten, lassen uns manchmal auch was Schlimmes zuschulden kommen, und der Schöpfer der Welt geht daran vorüber und beachtet unsere Kleingeisterei einfach nicht. Das macht uns nicht zu besseren Menschen, doch unsere Zukunft wird so nicht von uns selbst verbaut, sondern bleibt durch Gottes großen Geist weiterhin geöffnet.

Allerdings spricht Micha in eine für das Volk Israel schlimme Zeit hinein, in der sich die Katastrophen aneinanderreihen. Drum ist auch die Rede von einem „Rest“. Zahllose Menschen durch all die Jahrhunderte unserer Geschichten haben zahllose Katastrophen, große und individuelle, erlebt. So manches Mal blieb dann nur noch ein Rest von Traumatisierten übrig – und doch, so behauptet Micha, und doch ist Gott da. Der manchmal zornige Gott (denn die Geschichte von uns Menschen ist ja auch wirklich zum zornig werden), und noch vielmehr der Gott, der sich erbarmt. Der Gott, der im Meer versenkt, was uns misslingt in unseren Freundschaften und Ehen, in unseren Beziehungen zwischen den Generationen und an den Arbeitsplätzen, in unserer Beziehung zu uns selbst. Mit allen Ecken und Kanten sagt er uns seine Treue zu und lässt unsere Unzulänglichkeiten links liegen (und politisch gesprochen: Auch rechts liegen). Ohne Ansehen der Hautfarbe, ohne Bodyshaming, ohne Geschlechterdifferenzierung erbarmt er sich – darum singen wir Loblieder (wenn wir dann wieder singen dürfen) und loben Gott in unseren Gebeten.


Fehlt da nicht einiges? Gottes Gebote, Gottes Ansprüche an uns Menschen, die Strafen, von denen uns in der Bibel eben auch erzählt wird! Nun, ich denke, wenn man unserem Predigttext den einen Vers vorschiebt, den ich damals im Oberkirchenrat zitiert habe, dann ist damit eigentlich alles über unser Tun gesagt: Wir sollen Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor dem, der uns birgt. Uns, unsere Toten und unsere Kinder.

Amen.


Stefan Schwarzer