Predigt von Sonntag, den 29.03.2020 (Judika)

 

Predigt zu Hebräer 13,12-14



Liebe Brüder und Schwestern in Christus,


1921 wird sie geboren im schönen Forchtenberg am Kocher. So manches Mal wird sie an warmen Sommertagen in den Fluss hineingesprungen, so manches Mal wird sie mit ihren Geschwistern durch die Gegend gestromert sein. Nächstes Jahr gehörte sie zu den ab und an 100-Gewordenen, denen ich in unserer Kirchengemeinde von Herzen zum Geburtstag gratuliere. Wäre sie nicht schon vorher gestorben. Es ging alles ganz schnell: Am 18. Februar 1942 wurde Sophie Scholl vom Hausmeister an der Uni München dabei erwischt, wie sie zusammen mit ihrem Bruder Hans Flugblätter gegen das Naziregime im Gebäude verteilte. Hochengagiert war der Hausmeister, und sicher auch noch stolz darauf, die jungen Menschen ihren Richtern ausliefern zu können.


So ist auch Jesus außerhalb der Stadt gestorben, um durch sein Blut das Volk von aller Schuld zu reinigen.
Also lasst uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen.



Häh? Was erzählt er denn wieder, der Schwarzer? Von einer jungen Frau im Jahr 1942 zu Jesus? Genauer gesagt: Zum Hebräerbrief (Kapitel 13) im Neuen Testament. Vielleicht entdeckt der/die geneigte Leser*in den roten Faden, der sich durch meine Assoziationen webt – wir werden sehen…



1939 wird er geboren, wenige Monate bevor ein Wahnsinniger die Welt in den Wahnsinn treiben sollte. Heute ist er 81 und mit seiner schweren Krebserkrankung gehört er zu der Gruppe akut Gefährdeter durch das Coronavirus. Die gewohnten Begegnungen mit den Kindern, mit den Enkeln: Können leider nicht stattfinden, allenfalls übers Telefon. Das ist nicht schön, doch er weiß mit wachen Sinnen um die aktuelle Bedrohungslage in der südlichen Hemisphäre oder bei den im Schlamm lebenden Menschen auf Lesbos oder auch in Italien, gar nicht so weit weg. Und er kann aussprechen, was der Hebräerbrief uns zuruft und was wir in guten Zeiten so gerne überhören:


Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.


Luther übersetzt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt…“ – nicht 1946 auf der Flucht, und auch nicht 2020 inmitten einer globalen Pandemie. Wir sind – wie es in einem Psalm heißt – Gast auf Erden.
Für mich liegt darin ein großer Trost, wenn Menschen am Abend ihres Lebens sagen können: Ich möchte leben, ja, aber ich weiß, dass ich nicht für immer bleiben kann. Wer dies ausspricht, erleichtert es den jüngeren Generationen ungemein, sich auf die Abschiede vorzubereiten, die im Leben nun mal anstehen. Sicher, keine Familie möchte nun ausgerechnet von diesem Virus zu diesem Abschied gezwungen werden, drum ist es ja auch richtig, zu tun, was die Virologen und Epidemiologen empfehlen (und sich dabei nicht von irgendeinem Hanswurst beirren zu lassen, der Wichtigtuerei medial verbreitet) – sicher, keine Familie möchte das, und doch finden wir vermutlich zu tieferem Trost und höherer Gelassenheit, wenn wir uns klarmachen: Wir haben keine bleibende Stadt, Jesus hatte keine bleibende Stadt, Sophie Scholl hatte keine bleibende Stadt.



Also lasst uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen: Vor die Tore Jerusalems wurde er getrieben, hinauf auf den Stadthügel namens Golgatha, und dort hat man ihn ermordet. Viele trugen ihren Teil zu dieser Ermordung bei. Viele trugen ihren Teil dazu bei, dass Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst am 22. Februar 1943 mit einem Fallbeil ermordet wurden – diese drei waren Christenmenschen, auch sie wussten: Wir haben hier keine bleibende Stadt – die Zukünftige suchen wir – so übersetzt Luther den biblischen Text.

 

2002 ist sie geboren und macht nun ihr Abi. Danach soll es zu einem Freiwilligendienst ins Ausland gehen. Alles bedeutende und coole Pläne für ihr junges Leben – und nun das: Was für ein riesengroßer Mist, dieses Virus. All diese Pläne sind infrage gestellt und keiner von den Erwachsenen, die doch sonst immer so schlau sind, kann ihr sagen, wie das Ganze weiter geht. Das ist nicht witzig, das ist hochgradig irritierend. Zum Glück aber ist sie weitaus weniger lebensgefährdet als ihre Großeltern – das weiß sie, und sie ahnt, dass hinter dieser Geschichte noch viele andere Geschichten auf sie warten, die das Leben schreiben wird. Sie gehört einer Generation an, die schon lange kapiert hat, dass Wachstum Grenzen hat und wir nicht mehr lange einfach so weitermachen können (oder einfach so weitermachen, aber dann halt nicht mehr lange). Sie ahnt möglicherweise mehr als mancher viel Beschäftige in der Mitte des Lebens, dass wir keine bleibende Stadt haben und auf der Suche sind: Nach der zukünftigen Stadt. Nach dem Ort, an dem Leben in Fülle möglich ist. Nach dem Trost der ganzen Welt, in dem wir mit all unseren Tränen geborgen und mit unserem Lachen willkommen sind.


„[…] der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“: Schritt für Schritt zu der zukünftigen Stadt, mit Worten Paul Gerhardts und Klängen, die Johann Sebastian Bach dem Himmel entlockt hat (einfach draufklicken oder in youtube eingeben): https://www.youtube.com/watch?v=4nV8NakYNfs

 

Amen.