Predigt vom 10. Mai 2020 (Kantate) von Stefan Cohnen

Was für ein Tag!
Was für eine Zeit!

Es ist, liebe Gemeinde, unglaublich, in was wir da hineingeraten sind. Ein unsichtbares winziges Etwas ist in der Welt – und die Welt ist nicht wiederzuerkennen.
Ein Land ist lahmgelegt und wird nun nur langsam wieder hochgefahren.
Und die Kirche?
Sie ist ein Teil dieser Welt. Ebenso lahmgelegt wie der Rest. Fast alles, was Ausdruck kirchlichen Lebens ist, wurde mit einem Male ausgeknipst. Erst heute, nach 9 Wochen Unterbrechung dürfen wir wieder in unseren Kirchen Gottesdienst feiern.
Anders feiern, als wir es gewohnt sind, zugegeben. Und ich gestehe: Auch mir fiel es im Vorfeld schwer, mir vorzustellen wie das ist: Mit Einlasskontrolle, mit Mund- und Nasenschutz, mit Sicherheitsabstand und allen Vorkehrungen zur Infektionsketten-Nachverfolgung.

Doch ist meine, ist unsere Gewohnheit ein Kriterium dafür, was ein „richtiger“ Gottesdienst ist? Wie richtungsweisend und den eigenen Kopf zurechtrückend kommt da der heutige Predigttext daher. Der erzählt aus einer Zeit vor bald 3000 Jahren.

Salomo, der Sohn Davids und König von Israel, hat in Jerusalem einen prachtvollen Tempel errichten lassen. Und der soll nun feierlich eingeweiht werden. Zum Sukkotfest, dem wichtigsten Wallfahrtsfest Israels, lädt er alle Stammes- und Sippenrepräsentanten nach Jerusalem, damit sie den Feierlichkeiten beiwohnen.

Und dann bricht da ein großartiger Zug auf, um alle heiligen Geräte hinauf nach Zion, hinauf in den Tempel zu bringen. Natürlich sind es die Leviten, die die Bundeslade tragen, in der die Gesetzestafeln vom Gottesberg aufbewahrt werden. Die Priester schultern die Stiftshütte,
jenes mobile Heiligtum, in dem die Lade in der Zeit der Wüstenwanderung ihren Platz hatte.
Salomo und die vielen Israeliten opfern zahllose Schafe und Rinder. Die Prozession und der Gottesdienst sind in vollem Gange.

Und dann heißt es im 2. Chronikbuch:
Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn.

Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.
(2Chr 5, 12-14)

Sicher: Diese Geschichte ist auch eine Geschichte, die der Musik den Stellenwert in unseren Gottesdiensten beimisst, der ihr gebührt. „Die Musik ist die beste Gottesgabe.“ So soll Martin Luther einmal gesagt haben.
Es ist beeindruckend, wie die Musik in diesem Gottesdienst beschrieben wird: Gesang, Saiten- und Schlaginstrumente – und dazu 120 Trompete spielende Priester.
Es erscheint freilich fast wie ein Wunder, dass alle einstimmig singen und spielen, dass alle denselben Ton treffen.
Aber: Alle singen und spielen zum Dank und zum Lob Gottes. »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig« - so lautet der Gesang. Vielleicht haben sie schon damals – so wie ich heute – den 107. Psalm vorgetragen.

Und Gott kommt. „Gott ist gegenwärtig“, wie es in einem unserer Gesangbuchlieder heißt. Er ist da, herbeigerufen durch die Musik, gegenwärtig vielleicht gerade in der Musik.
Musik ist Gottesdienst.
Und Ja: Auch der Gesang ist Gottesdienst. Gerade unser evangelischer Gottesdienst ist ohne Gesang, ohne das gemeinsame Singen eigentlich schwer vorstellbar. Wir müssen das heute und in den nächsten Wochen bitter zur Kenntnis nehmen.
Immerhin dürfen wir heute wieder dem Klang der Orgel lauschen. Ihre Vielzahl von Pfeifen wird fast mithalten können mit den 120 Trompeten damals in Jerusalem. Und unser Organist Dirk Kretschmer trifft sicher den Ton.

Doch neben der Betonung der Wichtigkeit der Musik hat unsere Geschichte noch einen anderen Fokus. Und der wird am Ende der Geschichte deutlich.
Denn eigentlich würden nun die Priester in ihrem Dienst fortfahren. So ist das im damaligen Gottesdienst vorgesehen. So ist das üblich. So ist man das gewohnt.
Aber: Die Priester können nicht zum Dienst hinzutreten wegen der Wolke. Wegen der Wolke, die die Gegenwart Gottes repräsentiert.
Es läuft also anders. Denn Gott ist da. Seine Gegenwart ist liturgisch nicht eingeplant.
Wenn aber die Priester nicht wie vorgeschrieben Dienst tun, ist kein Gottesdienst. Das ist die Logik, die das Feiern unmöglich macht, wenn es nicht so läuft, wie gewohnt.

Gott aber sprengt die Gewohnheiten. Er sprengt sie damals in Jerusalem, wenn er einfach kommt, obwohl der Gottesdienstplan etwas ganz anderes vorsieht.
Und wie es scheint: Gott ist gerade in dieser ungewohnten Art und Weise des Gottesdienstfeierns besonders gegenwärtig.

Vielleicht kommt er gerade jetzt, gerade heute zu uns. Obwohl wir nicht so feiern wie gewohnt. Oder: Gerade weil wir nicht so feiern, wie es eigentlich üblich ist.
Unseren Dank und unser Lob:
Gott wird beides hören – auch durch unsere Mund- und Nasenmasken hindurch.   Amen.