Predigt vom 17. Mai 2020 (Rogate)

 

 

Liebe Gemeinde,

wenn wir ins Konzert gehen, erwarten wir, dass die Musiker*innen die Bühne betreten und dann schöne Musik für uns machen. Denken wir uns die Konzertmeisterin, die uns die Beethoven-Sinfonie erklärt, die auf dem Programm steht. Denken wir uns den afrikanischen Trommler, der uns erklärt, wie eine Djembe klingt, wenn man mit der flachen oder mit der hohlen Hand auf sie schlägt. Denken wir uns, wie Ed Sheeran die Entstehung seines neuesten Hits erläutert. Und dann denken wir uns, wie die Konzertmeisterin, der afrikanische Trommler, Ed Sheeran einfach wieder von der Bühne treten und keine Musik erklingt. Hmmmmmm, geht ja gar nicht.

Aber warum erzählt der Schwarzer eigentlich so komisches Zeugs? Nun, im heutigen Predigttext haben wir das Vaterunser vor uns – wir beten es also nicht, sondern ich rede darüber. Reden statt Machen – diesen einfachen Gegensatz kann man ja auch leicht populistisch in Position bringen: Im Gegensatz zu DEN Politikern, die ja nur bla bla bla machen, ist da endlich mal einer, der macht, ein MACHER. Tappen wir nicht in die populistische Falle, sondern machen uns klar: Reden UND Machen schließen sich doch nicht aus. Wenn ich die Beethoven-Sinfonie höre, dann höre ich sie deshalb differenziert, weil ein paar schlaue Leute mir schon einiges über diesen Komponisten, seine Musik und diese Sinfonie erzählt haben. Wenn ich dem afrikanischen Trommler lausche, dann freue ich mich am Groove und ich freue mich, dass meine eigenen Hände ein wenig wissen über die Spieltechnik. Wenn Ed Sheeran ein großer Hit gelungen ist, dann möchte ich durchaus mal genauer wissen, was da im Text steht und was da musikalisch geschieht. Nur die Theorie ohne die Musik, ja, das wäre wirklich komisch. Aber ein paar Erkenntnisse über die Musik können durchaus dazu führen, dass ich auch emotional nochmal anders berührt werde als ohne jede Erkenntnis.

Lange Rede, kurzer Sinn: Warum nicht mal über das Vaterunser reden, und es dann beten! Das möchte ich nun tun, und zwar in einer Art Paraphrase – also Satz für Satz des Gebetes durchgehen und einfach ein paar eigene Assoziationen zum Weiterdenken mitgeben. Am Ende werden wir natürlich und wie in ausnahmslos jedem Gottesdienst das Vaterunser beten.

 

Vater unser im Himmel – und wenn Gott alles in allem ist, dann wohl auch Mutter unser im Himmel. Himmlischer Vater und himmlische Mutter, also einfach das, was ein kleiner Mensch braucht um groß zu werden: Eltern. Wir wissen, dass es irdisch manchmal nicht so einfach ist mit den Eltern, es gibt engagierte, liebevolle Eltern, es gibt aber auch häusliche Gewalt oder verwaiste Kinder. Ich glaube, Jesus vermag uns zu trösten: Was auch immer in euren Familien los ist, Gutes und Schwieriges – Gott ist da und birgt uns, mütterlich, väterlich.

 

Geheiligt werde dein Name – Dein Name, Gott, und sonst kein Name. Es gibt Namen, die uns beeindrucken oder welche, die uns abstoßen. Wir schauen zu jemandem auf oder auf jemanden herab, so weit so menschlich, doch heiligen sollen wir nur den einen Namen Gottes. Das hindert uns daran, Rattenfängern, selbst ernannten Gurus und Führern im bitteren Sinne der deutschen Geschichte nachzulaufen.

 

Dein Reich komme – ein Reich nicht von dieser Welt, ein Reich, im dem die Liebe größer ist als der Tod.

 

Dein Wille geschehe – auch wenn wir diesen Willen oft nicht erfassen, oft nicht verstehen, manchmal viel Mut brauchen, diese Bitte ernst zu sagen, weil uns Gottes Wille womöglich arg auf die Pelle rückt. Und doch: Als Menschheit danach fragen, wie der Schöpfer dieser Welt es sich für uns denkt, das scheint mir ein hoffnungsvoller, ein nachhaltiger Weg durch die Gezeiten zu sein.

 

Wie im Himmel so auf Erden – eines fremden Tages, ja, und bis dahin halten wir die Sehnsucht wach, dass Gottes weiter Himmel immer wieder für uns sichtbar wird. Für uns alle, nicht nur für uns im reichen Westen, sondern für uns Menschen alle, auch für die auf den Müllkippen Manilas. Nicht nur für uns in Deutschland mit hervorragender medizinischer Versorgung, sondern für uns alle, auch für die Indigenen des Amazonas, deren Lebensgrundlage gerade in atemberaubendem und verbrecherischem Tempo zerstört wird.

 

Unser tägliches Brot gib uns heute – ja, gib es uns täglich, und gib uns, was wir zum Leben brauchen, und zwar heute zum Leben, nicht übernächste Woche. Heute sind wir am Leben und heute bekommen wir das, was dafür notwendig ist – wie schwer machen wir es uns manchmal mit unserer Sorge für die Zukunft, wie weit glauben wir manchmal vorsorgen zu können, und sind doch ganz klein, wenn plötzlich eine Krebsdiagnose genannt wird, gegen die unsere Haftpflichtversicherung nicht gewappnet ist. Heute das Brot zum Leben, und morgen sehen wir weiter.

 

Und vergib uns unsere Schuld – die Frage ist nicht, ob es etwas zu vergeben gibt, sondern was es zu vergeben gibt: Damit ehrlich vor Gott treten und vertrauen, dass all die persönlichen und strukturellen Verstrickungen, die wir nicht lösen können, in ihm zur Ruhe finden werden.

 

Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern – von Gott um die eigene Schuld erleichtert möchte ich immer und immer neu an meiner Haltung arbeiten: Ob der andere überhaupt ein Bewusstsein für die Verletzung hat, die er mir zugefügt hat, oder ob es ihm egal ist oder doch leid tut, spielt keine Rolle. Ich suche nach der Haltung, die mir ermöglicht, ihm zu vergeben So, und nur so kann ich ihm weiterhin offen begegnen und kann ein Konflikt gelöst werden.

 

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen – was ist die Versuchung? Was ist „das Böse“? Ganz oft ist es eine Frage der Quantität: Meine kleine Schokoladensucht gebe ich hier offen zu, ich glaube, ich habe sie einigermaßen im Griff. Aber in diesem Bild bleibend dürfte jedem einfallen, dass vieles zur Versuchung und damit zu Bösem werden kann, wenn wir das Maß verlieren, in die Maßlosigkeit schlittern. Die Themen dazu können heißen: Essen und Trinken, Geld und Besitz, Beziehung und Sexualität – und viele mehr. Erlöse uns, Gott, von unseren Abhängigkeiten und von dem Bösen, das solche Abhängigkeiten in unser Zusammenleben hereinträgt.

 

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit – Gott sei Dank, nicht ich bin verantwortlich dafür, den Himmel auf Erden zu schaffen, nicht ich muss immer stark sein und sogar in meiner Schwäche kann Gottes Kraft sich zeigen, nicht ich muss herrlich sein, denn einzig der, der war, der ist und der sein wird ist die Herrlichkeit. Ich verstehe die Ewigkeit nicht, muss ich auch nicht. Es reicht, zu diesem Gott zu beten – egal, ob mit Worten oder Schweigen, mit Lob und Dank oder in tiefer Verzweiflung. Und am Schluss bekräftigen wir unser Gebet und sagen auf Hebräisch: Ja, so soll es sein:

 

Amen