Predigt vom 24. Mai 2020 (Exaudi)

Predigttext: Jeremia 31, 31 – 34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben , ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den HERRN“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Liebe Gemeinde,

„Der neue Bund“ ist dieser Text meist überschrieben.
Bei den meisten Auslegern dieses Textes stehen Betrachtungen zu Thema „Bund“ im Vordergrund: Wie verhält sich dieser angekündigte Bund zu den anderen Bundesschlüssen im Alten Testament, dem Noah – Bund, dem Abraham – Bund, dem Sinai – Bund: Der neue Bund hier bei Jeremia als ein weiterer Bund oder als ein ganz neuartiger Bund?
Und dann natürlich die Fortschreibung, das Aufgreifen der Rede vom neuen Bund im Neuen Testament, als in Christus sich ereignende Wirklichkeit:
Im Hebräer – Brief ist unser ganzer Text zitiert, das längste alttestamentliche Zitat überhaupt im Neuen Testament: Da wird der neue Bund in Christus dem alten Bund gegenüber gestellt.
In den Abendmahlsworten: „Das ist der neue Bund in meinem Blute“.
Auch bei Paulus, und schlichtweg in der lateinischen Übersetzung, die, wie schon die vorchristliche griechische Übersetzung in der Septuaginta, „Bund“ mit „Testament“ übersetzt: Daher die Bezeichnungen „Altes“ und „Neues Testament“.
Das alles mit einer verheerenden Wirkungsgeschichte über die Jahrhunderte: Wir Christen als die neuen, wahren Bundesgenossen Gottes, Israel als verstocktes Relikt aus vergangenen Zeiten, das sich überholt hat.
Der Verheißungssatz vom neuen Bund, der Israel und Juda angekündigt wird, wurde so ein vernichtendes Argument, dass sich das jüdische Volk überlebt habe!

Ich versuche jetzt den Text einmal von dem anderen Wort in der Überschrift her zu lesen: vom Wort: „neu“:

In der Situation, als dieser Text vermutlich entstanden ist, war alles alt geworden, ja, war alles zu Ende gegangen: Die Hauptstadt Jerusalem erobert, der Tempel zerstört, die Oberschicht nach Babylon ins Exil weggeführt worden. Wo war jetzt Gott? Was bisher den Kontakt Gottes mit seinem Volk ausgemacht hatte, der Tempel, das Leben im verheißenen Land: Alles vorbei. Hatte Gott dieses Ende gar selber heraufgeführt? War das jetzt das Ende der Beziehung Gottes zu seinem Volk? Im Buch Jeremia steht in den meisten Kapiteln bis zu unserem einunddreißigsten: Das Volk hat die Fähigkeit, auf Gott zu hören, verloren.

In dieser Situation ist schon die Rede vom Bund Gottes mit seinem Volk eine neue Rede. Zumindest nach der heutigen Vorstellung von der Entstehung der biblischen Texte. Vor dem Exil stand die Rede von der Ehe Gottes mit seinem Volk im Vordergrund. Und sie schwingt ja noch in unserem Text nach: Man könnte in dem Satz „ob ich gleich ihr Herr war“, das baal, hier: „Herr“, auch mit Ehemann übersetzen, was es noch im heutigen alltagssprachlichen Hebräisch in Israel bedeutet. Aber die Rede von Gott und seiner Ehe mit dem Volk Israel war so stark mit dem Ehebruch verbunden, dass das Bild verbraucht war.
Bund war ein neues, frisches Bild, auch schon in den Bundesschlüssen des ersten Buches Mose. Eine neue Redeweise von Gott.
Und nun gar die Rede vom „neuen Bund“! Sein Kennzeichen ist, dass sein Bestand ganz allein von Gott garantiert wird. Und das geschieht so, dass seine guten Weisungen zum Leben so in das Herz der Menschen geschrieben wird, dass sie alle Gott erkennen, Klein und Groß: Keiner wird den anderen mehr lehren: Erkenne den HERRN: Das steht ja für uns Christen noch genauso aus!

Das Neue in Christus, der neue Mensch, die neue Schöpfung stehen ja auch in dem Spagat von „schon jetzt“ und „noch nicht“, von sakramentaler Gegenwart in Taufe und Abendmahl und Vollendung bei der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tage.
Das wird etwa deutlich in der Rede bei Paulus in 1. Korinther 13, 12: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“

Und „neu werden“ heute? Wo waren wir, wo sind wir mit unserem Leben unrettbar alt und überholt und bedürfen des neu werdens?
Etwa die Rede von einem Gott, der Waffen segnet, so im ersten Weltkrieg, oder von einem arischen Christus im Dritten Reich, war nach 1945 völlig überholt.
Da sind uns zum Glück neue Bilder gekommen, etwa das Lob auch der Kirchen über das Grundgesetz.
Oder die Apologetik der einzelnen Kirchen noch bis ins zwanzigste Jahrhundert: Wir sind die einzig wahre Kirche!
Da sind uns in der Ökumene neue Bilder entstanden, etwa das von der versöhnten Verschiedenheit.
Oder „Fridays for future“: der Umgang von uns Menschen mit der Natur: Katastrophal angesichts der Folgen: Das muss sich ändern!
Da greift die Rede über die kirchliche Agenda seit den achtziger Jahren: Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung: Und eben nicht mehr: Machet euch die Erde untertan!

Was ist unsere Rede angesichts von Corona? Was ist da überholt, was wird neu?
Mir stellt sich da das Bild noch als uneinheitlich dar: Ich bin skeptisch, ob die Aufbrüche im Digitalen, oder auch das neue soziale Mit  - und Für – einander ein heilvolles Neues birgt, was dann auch Bestand haben wird. Es ist offen.

Aus unserem Predigttext ist jedenfalls zu entnehmen:
Der Weg in eine heilvolle Zukunft: Den gestaltet Gott.
Irritierend für die heutige Welt, die alles machbar haben will, alles unter Kontrolle, man sieht es auch in der Corona – Krise: Die Politik versucht genau dieses zu vermitteln, nur keine Ohnmacht hochkommen lassen!
Aber vielleicht auch entlastend: Wir sind es nicht. Gott handelt auch durch Menschen, aber wir müssen uns nicht einreden, alles unter Kontrolle zu haben, wir haben einen Adressaten dafür, zumindest im Gebet:
Maranatha! Komm, Gott, und mache die Erde neu!

Amen!