Predigt vom 31. Mai 2020 (Pfingstsonntag)

Pfingsten, liebe Gemeinde, Pfingsten in Jerusalem.
Ganz Jerusalem feiert – und mit ihm viele Gäste aus dem ganzen Mittelmeerraum. Feiert Schawuot. Feiert das Wochenfest.
Ganz Jerusalem feiert? Nein, in einem Haus wird nicht gefeiert. Da sitzen die Jüngerinnen und Jünger zusammen. Einigermaßen bedröppelt sind sie, denn schon wieder ist ihr Herr und Meister, schon wieder ist der, den sie als Messias ansehen, vom Erdboden verschwunden.

Während Jesus gut fünfzig Tage zuvor unter die Erde gebracht wurde – aber dann ja wunderbarerweise wieder da war, mit den Jüngern redete, mit ihnen aß – während Jesus sie also sieben Wochen zuvor schon einmal verlassen hatte, so hat er sie nun noch einmal, nun in Richtung Himmel verlassen.
Aber so oder so: Jesus ist weg. Und während ganz Jerusalem, fast ganz Jerusalem feiert, fühlen sich die Jünger einsam und verlassen.
Mit einem Mal jedoch geschieht etwas völlig Unerwartetes, Unerwartbares: Denn plötzlich
erfüllt ein Rauschen dieses Haus. Unvermittelt erscheint etwas wie züngelnde Flammen, die sich verteilen und auf eines jeden Kopf niederlassen.
Und mehr noch: Alle im Raum fangen an, in ganz unterschiedlichen Sprachen zu reden. Persisch ist da auf einmal zu hören, Ägyptisch, Latein… Keine Sprache, die nicht gesprochen worden wäre in dieser Stunde in diesem Haus in Jerusalem.

Mit dieser plötzlichen Begabung aber gehen die Jüngerinnen und Jünger hinaus auf die Straßen und Plätze Jerusalems. Sie fühlen sich nicht länger einsam und verlassen, nein! Voller Begeisterung erzählen sie in Jerusalem den Menschen aus aller Herren Länder von den großen Taten Gottes, davon, dass Christus der Herr ist.

Viele, die das erleben, sind erstaunt und verwundert, wie denn diese einfachen galiläischen Fischer mit einem Mal ein solches fremdsprachliches Talent an den Tag legen. Für andere legt sich eine einfache Erklärung nahe: „Die haben zu viel neuen Wein getrunken!“

Was ist da nun wirklich geschehen? Was war da am Wirken? Übernatürliches – oder Hochprozentiges?
Es ist Petrus, der eine Erklärung versucht. Er tritt vor die Menschen und beteuert, dass es der Alkohol nicht gewesen sein kann,  ist es doch noch früh am Vormittag. Nun ja…
Nein, sagt Petrus, was hier geschieht, hat der Prophet Joel vorhergesagt:
Und den zitiert der Apostel dann:
›Gott spricht: Das wird in den letzten Tagen geschehen:
Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und eure Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen und eure Alten von Gott gesandte Träume träumen. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, werde ich in diesen Tagen meinen Geist ausgießen. Und sie werden als Propheten reden.
Ich werde Wunder tun droben am Himmel. Und ich werde Zeichen erscheinen lassen unten auf der Erde: Blut und Feuer und dichte Rauchwolken. Die Sonne wird sich verfinstern, und der Mond wird sich in Blut verwandeln. Dies alles geschieht, bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht.
Jeder, der dann den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden!‹  (Apg 2,16-21)

Noch einiges wird Petrus predigen an diesem Tag. Aber mit diesen wenigen Sätzen erklärt er jedenfalls, was es mit dem Pfingstgeschehen auf sich hat. Denn Petrus erklärt es sich und uns
mit Hilfe dieses Prophetenworts aus dem Ersten Testament.
Er erklärt das Geschehen mit dem Ausgießen des Geistes in den letzten Tagen: Es ist der Geist, der Heilige Geist, der die Jüngerinnen und Jünger erfasst hat. Es ist dieser Geist, der die Anhänger Jesu bewegt und erleuchtet und ihnen die Gabe der fremden Sprache geschenkt hat. Es ist dieser Geist, der den Jungen und den Alten Träume und Visionen eingibt.
Das wird in den letzten Tagen geschehen. Petrus versteht mit dem Propheten Joel das Pfingstwunder als ein endzeitliches Geschehen. Zusammen mit Zeichen am Himmel und auf der Erde geschieht dies alles, bevor der große und prächtige Tag des Herrn anbricht, bevor also Gott seine Herrschaft aufrichtet.

Diese Wendung verleiht unserer Pfingstgeschichte eine zuvor so nicht deutlich gewordene Ernsthaftigkeit. Dabei hat der Geist doch auch etwas Spielerisches. Von Träumen und Visionen ist die Rede und – ja auch – von etwas Rauschhaftem.
Vielleicht könnten wir es so verstehen: Der Geist meint es ernst – und verleiht uns zugleich eine neue Freiheit.

Der Geist meint es ernst, denn er ist Teil der große Geschichte Gottes mit uns Menschen.
Und diese Geschichte hat ein Ziel: Gemeinschaft mit Gott – und Friede und Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung. Dazu können wir zwar Einiges tun, doch haben nicht wir die Geschichte, die Geschicke in der Hand. Nicht von Ungefähr endet die Stuttgarter Schulderklärung, die nach dem Ende der Nazi-Herrschaft vor 75 Jahren formuliert wurde mit dem Satz: „So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator Spiritus! Komm, Schöpfer Geist!”

Vielleicht braucht die Welt auch jetzt, auch in dieser aktuellen Situation einen neuen Anfang.
Mir würden da eine ganze Reihe von Themen einfallen. Was die Welt sicher nicht braucht,  sind Erklärungsversuche, wonach finstere Mächte diese Krise steuern und hinter dem Virus ganz andere Absichten stecken würden. Eine weitere Ausbreitung solchen Ungeists möge Gott verhindern.

Vielmehr: Komm, Schöpfer Geist!
Wir brauchen die Verständigung, das Verständnis füreinander. Über Sprachen hinweg, über Generationen hinweg. Ein jeden, eine jede drückt eine andere Sorge, aber nur gemeinsam,
im Austausch miteinander werden wir in der Lage sein, einander die jeweils nötige Unterstützung geben zu können.
Wir brauchen die Erleuchtung, wir brauchen den frischen Wind, um uns mit neuen Ideen der Zukunft zuzuwenden. Und diese Erleuchtung ist nicht allein, aber eben auch in den Forschungslabors wichtig, in denen Medikamente gegen die Seuche gesucht – und hoffentlich auch gefunden werden.
Und: Wir brauchen Visionen und Träume, Visionen und Träume von Frieden und Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung. Möglicherweise ist diese Zeit, in der Vieles nicht oder nur langsamer vorangeht, möglicherweise ist genau diese Zeit die Gelegenheit, Träumen und Gedanken darüber nachzuhängen, was wirklich wichtig ist. Und wir könnten beispielsweise erkennen, dass allzu viel Fleisch, allzu viele Flugreisen nicht unbedingt dazugehören.

Komm, Schöpfer Geist!
Wir dürfen hoffen, dass der Geist damals in Jerusalem kein einmaliges Gastspiel gegeben hat.
Der Geist kommt – immer wieder neu. Doch am Ende weht er da, wo ER will. Amen.