Predigt vom 1. November 2020

Predigttext: Mt 10,26b-33

 

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.



Nun freut euch, lieben Christen g´mein, jetzt freut Euch, Ihr lieben Christen alle miteinander,
und lasst uns fröhlich springen!



Liebe Gemeinde,


das ist Original Martin Luther heute zum Reformationsfest. Und das ist eine klare Ansage gegen den November-Blues, gegen ein herbstliches Stimmungstief, das uns alle gerade einholen könnte.
Natürlich: Der Himmel ist grau, die Tage werden spürbar kürzer, die Feiertage haben alle irgendwie mit Endlichkeit und Vergänglichkeit zu tun. Und dann auch noch jeden Tag neue Höchststände an Neuinfizierten und der morgen startende Teil-Lockdown, wo wir hier doch ohnehin schon seit Monaten mit Masken rumsitzen und gerade mal unter der Dusche mit Lust und Liebe singen dürfen. Nichts, aber auch gar nichts, was uns fröhlich stimmen könnte.


Doch dagegen setzt Martin Luther seine Verse. Dagegen ruft er uns durch die Strophen dieses Reformationslieds hindurch dazu auf, eben nicht den Kopf hängen zu lassen. Aller Unbill zum Trotz sollen wir uns miteinander freuen, sollen wir fröhlich springen.
Und es ist ja auch nicht so, dass bei Luther damals vor knapp 500 Jahren, als er dieses Lied dichtete, alles eitel Freude, Sonnenschein gewesen wäre. Gerade erst konnte er die Wartburg verlassen, wo er dem Zugriff kaiserlicher Häscher entzogen war. Und im Jahr darauf begann der Bauernkrieg. Keine Zustände also, die wir uns romantisch zurückwünschen könnten. Vielmehr – nun ja – vielleicht nicht mehr ganz finsteres Mittelalter, aber eben auch alles andere als blühende Landschaften.


Trotzdem:
Nun freut euch, lieben Christen g´mein, und lasst uns fröhlich springen!
Und warum sollen wir fröhlich sein?
Die Antwort findet sich in Strophe 4 und 5 unseres Liedes. Die Antwort findet sich im eingangs zitierten Vers zum heutigen Reformationsfest. Die Antwort findet sich in einem der zentralen reformatorischen Merksätze, die Luther geprägt hat: Solus Christus. Allein Christus.

Denn einen andern Grund kann keiner legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Er ist der Grund unserer Freude. Seinetwegen könnten wir, sollten wir fröhlich zu springen in der Lage sein.

Ihn schickt Gott mir armem Menschlein zu Gute und spricht:
Sei das Heil dem Armen
und hilf ihm aus aller Sünden Not,
erwürg für ihn den bittern Tod
und lass ihn mit dir leben.

Das ist das Evangelium. Das ist die frohe Botschaft: Dass wir leben dürfen. Dass wir Heil erfahren können. Dass wir keinen November-Blues haben, keine Corona-Trübsal blasen müssten. Denn es gibt etwas, das über die momentane Befindlichkeit hinausweist. Es gibt Zeichen und es gibt Worte, die in das Grau, das ist, die in dasjenige, das wir befürchten, dass es nun diesen Monat regieren wird, hineinleuchten. Zeichen und Worte, die wir aber auch sehen und erkennen müssen. Auf die wir uns freilich einlassen können müssten.



Was fällt Ihnen, was fällt Euch ein an Zeichen und Worten, die gut tun und die vielleicht sogar ein Stück weit tragen könnten in diesen Tagen?
Wenn ich mich das selbst frage, dann möchte ich dankbar auf die Wochen dieses Sommers zurückschauen:
Die Erinnerung an wunderschöne und unbeschwerte Tage an der Dordogne und an der Atlantikküste im Südwesten Frankreichs. Davon will ich zehren – auch, wenn es jetzt grau in grau ist.
Oder ich höre mir dieser Tage immer wieder gerne die neue Ärzte-Platte an. Solche Musik ist vielleicht für viele hier eher abseitig. Aber sie ist nicht nur organisierter Lärm, sondern auch mit viel Humor gemacht. Und ich bekomme davon gute Laune.
Ist das banal? Oder geht es gerade darum: Erkennen, was mir guttut. Und auch zulassen, was mir guttut.


So wie es mir guttut, wenigstens die Gelegenheiten von Gemeinschaft wahrzunehmen, die wir in diesen Tagen noch haben. Wie diesen Gottesdienst. In dem ich Gemeinschaft erfahre. Mit Ihnen und Euch. Und mit Gott. Um mich zu freuen. Um fröhlich zu sein. Trotzdem!
Zeichen und Worte, die guttun und uns den Blick über das Vorfindliche hinaus weiten: Das will auch unser heutiger Predigttext sein, den wir vor dem Lutherlied gehört haben.
Es sind Worte Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger. Worte aus der sogenannten Aussendungsrede. Worte also, die die Freundinnen und Freunde Jesu mit der Situation konfrontieren, wie es sein wird, wenn sie ohne Jesu leibhaftige Gegenwart unterwegs sein werden. Keine einfache Situation. Und im Grunde: unsere Situation.


Doch auch hier: Jesus verheißt nicht Heulen und Zähneklappern. Und ja, es gibt schon auch was zu tun. Und vor allem gilt es, sich an diesen einen Grund aller christlicher Existenz, und damit auch an diesen letzten Grund von Freunde und Fröhlichkeit zu halten: Eben an ihn, an diesen Jesus von Nazareth.


Denn dieser Jesus setzt in seinen Worten vor allem auch einen ganz deutlichen Akzent, indem er mehrfach sagt: Fürchtet euch nicht!
Fürchtet euch nicht!
Das kann nun natürlich nicht heißen, dass man das, was einem Sorge bereiten muss, ignorieren soll. Vor dem, was die Jüngerinnen und Jünger bedroht, lassen sich nicht einfach die Augen schließen. Und auch für uns gilt, dass wir nicht einfach nur so tun müssten, als ob es das Virus nicht gäbe, damit es uns nur ja nichts tun wird. Das Geschäft der Realitätsverweigerung können wir getrost anderen überlassen. Und dabei hoffen, dass vielleicht schon übermorgen ein allzu mächtiger Realitätsverweigerer Geschichte sein wird.
Nein, die Situation ist, wie sie ist. Aber: Fürchtet euch nicht! Stellt Euch der Realität – und lasst zugleich die Furcht nicht übermächtig werden. Warum? Weil wir nicht allein sind. Und weil wir einen Fürsprecher haben, dem wir wichtig, dem wir es wert sind.
An dieser Stelle in unserem Predigttext blitzt einmal mehr Jesu Humor auf. Und wir wissen ja: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Humor, so definiert ihn der Duden, ist die Fähigkeit und Bereitschaft, auf bestimmte Dinge heiter und gelassen zu reagieren.
Und deshalb: Ein Sperling fällt nicht einfach vom Himmel herunter. Obwohl er fast nichts wert ist. Gerade mal einen halben Groschen,  wie Jesus erläutert.


Wenn es nach unseren Wertmaßstäben ginge, dann müssten andauernd irgendwelche scheinbar wertlosen Gegenstände und Tiere vor uns auf den Boden krachen. Man stelle sich das vor: Es regnet Vögel. Tut es aber nicht. Denn sogar so ein billiger Sperling wird getragen. Von der Luft – und von Gott.
Weshalb sollten wir dann Angst haben? Bei euch sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. So sagt Jesus. Ein Geschäft, das bei mir je länger je übersichtlicher wird. Jesus will aber damit sagen: Hey, Ihr rechnet kaum mit dem Wert eines Vogels, obwohl er so wunderbar fliegen und singen kann. Gott aber rechnet sogar jedes einzelne Eurer Haare nach. Weil ihr ihm es wert seid. Weil ihr ihm wichtig seid. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

Nun freut euch, lieben Christen g´mein, und lasst uns fröhlich springen!
Trotzdem. Trotz der Unsicherheit, mit der wir leben müssen. Trotz aller Fragezeichen, die sich vor uns auftürmen. Trotz des womöglich trüben Novembers, der uns bevorsteht, nehmen wir ihn furchtlos, nehmen wir ihn gelassen, nehmen wir ihn vielleicht sogar mit Humor?
Und so schließe ich nun nicht mit Martin Luther, sondern mit Fritz Eckenga:

November, Held der Monatsrecken
Schützend dick sind Deine Decken
Wärmst mit dichten Baumlaubmatten
Sowohl den Wurm in Herbstrabatten
Als auch die kalten Gehwegplatten
Die unser Trottoir belegen
Für jeden fröstelnd‘ Zeh ein Segen
Sofern die Nachbarn nicht gleich fegen.

November, deckst uns zu mit Güssen
Legst die nassen Nebelkissen
Dämpfend auf das Ach und Krach
Hältst Laut und Lärm gekonnt in Schach
Spitzer Ton wird mählich flach
Ruhe senkt sich auf das Dach
Unter dem die klammen Socken
Dampfend überm Ofen trocknen.
Warme Stube macht uns Nicken
Da meldet sich Dein kleiner Schalk
Willst uns wohl ein Stürmchen schicken
November, großer Blasebalg!

Nur zu! Tob‘ Dich nur tüchtig aus!
Wir gehen heute nicht mehr raus
Schließen jede Fensterlade
Wickeln Plaid um Fuß und Wade
Und schlürfen heiße Schokolade.
Wir lieben Dich für Deine Launen
Für stilles Schweigen, lautes Raunen
November, bleib‘ so, wie Du bist
Und sei zum Dank dafür geküßt.

Amen.