Predigt am Buß- und Bettag 2020

„Machen Kleider Leute?“

 


Liebe Gemeinde,


dieses Motto kam mir in den Sinn, als es darum ging, im Rahmen der Mantelausstellung hier Buß- und Bettag zu feiern.
„Machen Kleider Leute?“ klingt vielleicht zunächst einmal so ähnlich wie eine ungeliebte Schullektüre. Doch nicht Gottfried Kellers Novelle soll heute im Blick sein. Mir geht es darum nachzuzeichnen, was Kleidung mit uns macht – und was wir mit Kleidung machen.
Kleidung wird es wohl immer geben – und es gab sie auch schon fast immer. Jedenfalls ist Bekleidung im ersten – und auch noch im letzten Buch der Bibel ein Thema.


Von Adam und Eva wird erzählt, dass sie zu Beginn nackt waren. Doch als sie das erkannten, flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Diese Schurze waren – wenn wir so wollen – die erste Form von Bekleidung.
Seitdem hat sich die Kleidung weiterentwickelt. Und das erste Mal, dass ein Kleid zum Thema wird, ist ebenfalls im 1. Buch Mose notiert, als nämlich Jakob für seinen Lieblingssohn Josef einen bunten Rock fertigen lässt. Diese Kleidung ist zum einen Ausdruck der Zuneigung eines Vaters zu seinem Sohn. Zugleich produziert dieses besondere Kleidungsstück eine Menge Ärger: Josefs Brüder sind voller Neid – und der hat noch reichlich Konsequenzen.
Es mag Zufall sein, dass die ersten beiden Geschichten, in denen es in der Bibel um Kleidung geht, mit Sünde und Liebe, Neid, Konkurrenz und Konflikten zu tun haben. Und doch ist es bezeichnend. Weswegen ich auf die Frage:

„Machen Kleider Leute?“ erst einmal antworten könnte: Vielleicht. Kleider lösen jedenfalls Gefühle aus – und sie machen viel kaputt.

Ohne Frage: Kleidung ist etwas, das zu unserer Existenz gehört. Eine der ersten Handlungen am Tag ist es, die Bekleidung der Nacht abzulegen – und die für den Tag anzuziehen. Und je nachdem, was an dem Tag ansteht, wähle ich diese oder jene Kleidung aus. Steht Freizeit an, ist´s etwas Legeres. Steht ein geschäftlicher Termin oder eine Prüfung an, dann muss es etwas Förmliches sein. Ist etwa ein Fest angesagt, dann findet sich auch etwas Entsprechendes im Kleiderschrank.
Tatsächlich sind unsere Kleiderschränke gut gefüllt. Untersuchungen haben ergeben, dass sich in einem deutschen Kleiderschrank im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke befinden. Weiter wissen wir, dass 20 Prozent dieser Kleidungsstücke nie getragen werden. Unsere Kleiderschränke sind also zu einem Fünftel mit Kleidung gefüllt, die wir nie anziehen. Dennoch kauft ein Deutscher bzw. eine Deutsche im Jahr etwa 60 neue Kleidungsstücke. Und das bei über die letzten Jahre hinweg nur leicht steigenden Kosten für Bekleidung.

Denn Kleidung ist in aller Regel: Günstig. Günstig für unseren Geldbeutel. Und dabei gleichzeitig ungünstig für unsere Umwelt, für unser Klima und nicht zuletzt für die ca. 60 Millionen Textilarbeiterinnen, in aller Regel Frauen in den ärmsten Ländern dieser Welt wie Kambodscha oder Bangladesch.

Denn Leute machen Kleider. Menschen verdienen mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt damit, für uns billige T-Shirts und Hosen zu nähen. Dabei bleiben bei einem Kleidungsstück für 100 Euro nur etwa 40 Cent bei der Näherin auf der anderen Seite des Globus. Im Grunde wissen wir das alles, doch wir vergessen es wieder, wenn nicht gerade in Dhaka eine Textilfabrik einstürzt.


Und nun: Machen Kleider Leute?
Ja sicher: Sie machen uns zu Menschen mit einem gewissen Style, mit einer gewissen Ausstrahlung. Und zu Menschen, die mehr oder weniger achtlos sind im Blick auf das, was wir mit unserem Kleider-Konsum anrichten.
Darum Ja: Kleider machen Leute. Und Kleider machen viel kaputt. Dabei habe ich das, was massenhafter Kleider-Konsum und die entsprechende Kleider-Produktion für Umwelt und Klima bedeuten, noch gar nicht ausgeführt. Aber auch so können wir festhalten: Eigentlich darf es so nicht weitergehen. Nur: Was tun?

Heute ist Buß- und Bettag. Es geht also um Buße und ums Beten. Das ist´s, was wir tun könnten.

Was das Beten angeht, könnten wir uns vielleicht auf das Gebet verständigen, das wir mit der Melodie zuvor zwar nicht singen durften, dessen Inhalt aber nichts desto trotz richtig und wichtig ist:
Komm in unser reiches Land, / der du Arme liebst und Schwache,
dass von Geiz und Unverstand / unser Menschenherz erwache.
Schaff aus unserm Überfluss / Rettung dem, der hungern muss.

Was aber die Buße, was die Umkehr angeht, was wir also anders tun könnten, als wir es zu tun gewohnt sind, gibt es durchaus Möglichkeiten.
Sicher: Keine Kleidung ist keine Option. Weder die Temperaturen noch unsere Kultur noch mein Schamgefühl – da bin ich mit Adam und Eva einig – lassen es zu, von nun an nackt unterwegs zu sein. Aber es gibt noch etwas zwischen nackt und unzähligen überflüssigen Kleidungsstücken.
Eine Möglichkeit wäre: Einfach nicht so viele Kleider im Schrank. Wenn wir ohnehin statistisch ein Fünftel unserer Kleidungsstücke erst gar nicht anziehen, dann brauchen wir schlicht nicht so viel, wie wir meinen.

Allerdings ist es schon nachvollziehbar, dass Mann oder Frau ab und an dann doch ein wenig Abwechslung im äußeren Erscheinungsbild zeigen will. Dann gibt es die Möglichkeit, Kleidung aus zweiter Hand zu erwerben. Das T-Shirt, das ein anderer nicht mehr sehen kann – oder in seinem Schrank nie gefunden hat zwischen Ein- und Weiterverkauf, ist vielleicht genau das, das mir steht und gefällt. Second-Hand-Läden und Flohmärkte helfen da, den Geldbeutel zu schonen – und die Ausbeutung von Mensch und Natur zu reduzieren. Und heutzutage gibt es natürlich auch die Möglichkeit, über das Internet und Portale wie etwa „Kleiderkreisel“ gebrauchte Kleidung zu kaufen und zu verkaufen.

Eine Alternative dazu ist es, neue, aber faire Kleidung zu kaufen. Der Eine-Welt-Laden in der Küferstraße zum Beispiel hat ein relativ großes Sortiment an Kleidung, bei deren Produktion und in der gesamten Lieferkette auf faire und umweltschonende Bedingungen geachtet wird. Das hat dann zwar seinen Preis – aber wenn man nicht mehr so viel kauft, lässt sich das vielleicht auch besser finanzieren.

Kleider können viel kaputt machen. Aber wir könnten mit Kleidung auch etwas tun. Wenn wir umkehren. Wenn wir uns anders verhalten, als wir´s zu tun gewohnt sind. Im Grunde gibt es die Idee, Kleider zu teilen, nicht erst seit der Erfindung von Second-Hand-Läden. Martin hat vor über 1600 Jahren seinen Mantel geteilt. Er scheint hinterher nicht erfroren zu sein – immerhin ist er noch Bischof geworden. Und der Bettler musste mit dem zweiten Mantelteil nicht länger ungeschützt in der Kälte ausharren.


Nein, wir sollen nicht nackt herumlaufen. Aber wir müssen uns schon fragen lassen, was wir anziehen: an Kleidung,
an Grundhaltung. Wir müssen uns fragen lassen, ob wir uns von Geiz und Unverstand regieren lassen wollen, oder von dem, was wir vorhin aus dem Kolosserbrief gehört haben:
So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; (…) Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.

(Kol 3,12.14)

Die Liebe als die ideale Oberbekleidung. Wenn uns das denn gelingen würde: Auch, aber nicht nur, im Blick auf unseren Kleider-Konsum.


Kleidung spielt ganz am Anfang der Bibel eine Rolle – und auch ganz an ihrem Ende.
Im letzten Kapitel des letzten Buches der Bibel heißt es:
Selig sind, die ihre Kleider waschen, dass sie Zugang haben zum Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt. (Offb 22,14)

Am Ende, wenn es ins Paradies und ins himmlische Jerusalem hineingeht, werden wir so oder so unsere Kleider zu waschen haben. Werden sie, werden wir von allem, was an Schmutz anhaftet, rein werden. Das werden wir nicht allein schaffen.

Amen.