Abendgottesdienst am 07.11.2020

Was ist der Mensch? – Predigt zu Psalm 8


Liebe Gemeinde,


heute überspringen wir einfach mal die Anrede „Herr, unser Herrscher“ und die Macht gegenüber den Feinden. Wissen wir ja, die üblichen Scharmützel des Alten Testaments, die an wechselnden Orten dieser Welt immer und immer weiter gehen. Lassen wir das auf sich beruhen, und gehen gleich zu diesem unüberbietbar schönen Satz:
4Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
5Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?


Eine Frage, an uns alle gerichtet: Was ist der Mensch? Was sind wir? Und dem vorausgehend die Erkenntnis des weiten Universums: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast. Ob jemand Atheist ist oder nicht, ob wir glauben, dass der Schöpfer dieser Welt das alles wunderbar gemacht hat oder ein universaler Zufall für unsere Anwesenheit sorgte – die Erkenntnis ist dieselbe: Wir sind gleichsam nichts. Wenn wir die Schwangerschaft ohne Abbruch geschafft haben sind wir je nach gesundheitlichem Zustand und Lebensverlauf ein paar Atemzüge oder 100 Jahre da – und sind doch nichts im weiten Weltall der Räume und Gezeiten. Was für eine menschliche Anmaßung, wenn wir denken, uns stünde ein Leben in Fülle oder womöglich in Saus und Braus zu! Was für eine Anmaßung zu glauben, irgendeine Gerechtigkeit läge darin, gesund und munter 80 zu werden oder irgendeine Ungerechtigkeit darin, jung einen tödlichen Tumor zu bekommen. Nichts steht uns zu, nichts. So kurz, so einfach, so untröstlich.


Steckt hier ein Wolf im Schafspelz, ein Atheist im evangelischen Talar? Nein, ich bin noch nicht fertig mit meiner Predigt: Die Frage des Psalmbeters stellt freilich klar, dass wir nichts sind im Weltengetriebe – doch dessen unbeeindruckt behauptet sie etwas für uns Menschen unfassbar Schönes: Da ist eine Kraft, der wir nicht egal sind, die uns mit liebenden Augen ansieht – I see. Da ist etwas, und nicht nichts – und dieses Etwas, das wir sprachlich Limitierten „Gott“ nennen, hat ganz wundervolle Kreaturen hervorgebracht: Tiere in Wäldern und auf Feldern, die Vögel unter dem Himmel, und alles, was die Meere durchzieht. Und dieser Schöpfer sagt uns, sagt mir und dir: „Du bist nicht nichts, du bist wer, weil ich in dir jemanden sehe!“ Wir sind Gesehene, wie auch immer unser Leben verläuft – das ist der Grund aller religiösen Hoffnung, vielleicht der Grund aller Hoffnung überhaupt.


Und wenn doch der Atheist Recht hat und wir schierer Zufall sind? Nun, zum einen muss uns das ja nicht daran hindern, Freude im Leben zu suchen und zu finden. Es muss uns nicht daran hindern, einander in dieser Freude-Suche hilfreich zu sein. Und zum anderen wette ich mit dem Atheisten darauf, dass sich da einer des Menschen Kind annimmt: Hat der Atheist Recht, dann bekommen er und ich seinen Sieg gar nicht mehr mit, habe ich Recht, dann gewinnen wir beide.

Amen.


Gebet


Dass wir glauben können: Du siehst uns – darum bitten wir dich. Und dann ist alles in dir geborgen – unser Lachen und unser Weinen, die Freude und der Schmerz. Für die Menschen in den USA und ihren Präsidenten: Dass in den kommenden Stunden, Tagen, Wochen keine Gewalt eskaliert, dass die so heillos vorhandenen Waffen nicht zu ihrer Bestimmung kommen, nämlich Menschen zu töten.  Und schließlich, dass es dem neuen Präsidenten gelingt, zu heilen, was da ist an Schmerz und Verbitterung, Hass und Feindschaft.
Um die Durchsetzung eines christlichen Menschenbildes bitten wir dich: Dieses Menschenbild kann und darf eine Politik der Feindschaft nicht begründen. Du schenkst uns deine Liebe – hilf uns, unseren Nächsten auch lieben zu können, hilf uns, die eigenen Feindbilder immer neu zu entlarven und zu verwandeln in Bilder der Kooperation und der unbedingten Würde aller. Eine Würde, die du, Gott, begründest, die wir nicht herstellen können und nicht herstellen müssen.