Predigt vom 9. Mai 2021

„Wir müssen reden…“
Liebe Gemeinde,
Maybrit Illner ist eine Institution im ZDF. Jeden Donnerstag versammelt sie eine illustre Schar von Politikerinnen und Politikern und anderen, die etwas zu sagen haben – oder glauben, etwas zu sagen zu haben. Ich bin, das muss ich gestehen, kein großer Freund von diesen Talkshows, aber manchmal schaue ich dann doch das erste Viertelstündchen. Und wenn dann also die Moderatorin erst einmal erklärt hat, um welches Thema es geht, dann sagt sie immer: „Wir müssen reden – mit diesen Gästen…“
Bei aller Zurückhaltung meinerseits bei diesem Format: Maybrit Illner hat recht. Wir müssen reden. Wir Menschen sind auf ein Gegenüber angelegt. Wir sind kommunizierende Wesen, wir leben davon, dass wir angesprochen werden – und dass wir andere ansprechen können.
Darum Ja: Wir müssen reden.

Auch Gott will, dass wir mit ihm reden. Dass wir klagen, loben – oder eben bitten. Rogate –bittet, so heißt ja dieser Sonntag. Und wir haben´s ja auch schon getan in diesem Gottesdienst: Haben den Psalm gebetet, haben in der Stille Kontakt gesucht, haben uns in unseren Liedern an Gott gewandt.

Und doch, seien wir ehrlich, ist dieser Kontakt ein spezieller, ein oftmals auch schwieriger. Denn das Gebet erscheint in der Regel als eine eher einseitige Kommunikation: Ich rede.
Denn: Wir müssen reden. Aber wo bleibt die Antwort?

Noch ein Zitat: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“
Das ist vermutlich der bekannteste Satz des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Zugegeben: Watzlawick geht es um die menschliche Kommunikation. Aber ich möchte heute die vielleicht steile These aufstellen: Die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren, ist eine Eigenschaft, die sich Mensch und Gott teilen.

Eine These aufzustellen, ist das eine. Diese These dann auch zu belegen, ist das andere. Und gerade habe ich ja noch erklärt: Kommunikation, die doch auf Gegenseitigkeit angelegt ist,
erleben wir in der Mensch-Gott-Kommunikation ganz häufig ganz einseitig.
Ist meine These damit schon erledigt? Ich meine: Nein. Ich meine: Auch für Gott gilt, dass er nicht nicht kommunizieren kann. Und der Beleg für meine These – ist dieses Buch. Ist die Bibel, in der es vom ersten Kapitel an darum geht, dass Gott mit uns in Kontakt treten will.
Heißt es doch gleich am Anfang, dass wir als sein Ebenbild erschaffen sind. Und wenn wir reden müssen,  dann wohl deswegen, weil auch er reden muss, weil auch er sich kundtun will, sich kund tut.
In allen Büchern der Bibel, in nahezu jeder Geschichte geht es um sein Reden mit uns, geht es um sein Wort: mal durch den Mund eines Propheten, mal Fleisch geworden in Gestalt Jesu, bisweilen durch eine Frau, einen Mann, der oder die nicht notwendigerweise Flügel tragen muss.

Aber auch die Bibel weiß wiederum von Beginn an um diese Schwierigkeit in der Kommunikation: Diese Schwierigkeit, dass wir eine Reaktion Gottes oft nicht bekommen
– oder vielleicht nicht richtig zu erkennen vermögen.
Bereits Kain fühlt sich nicht von Gott verstanden. Abraham und Sara brauchen Jahrzehnte der Geduld, bis ihr ausdrücklicher Wunsch nach Nachwuchs sich erfüllt. Das Gottesvolk murrt in der Wüste und fühlt sich verraten und verlassen.

Und auch in dem Teil der biblischen Schriften, den wir Evangelische nur am Rande wahrnehmen, in den sogenannten Spätschriften des Alten Testaments oder auch Apokryphen, wird diese Problematik aufgegriffen: diese Problematik, dass unser Gebet scheinbar verhallt.
Im Buch Jesus Sirach muss der Autor darum zunächst einmal bekräftigen und betonen, dass Gott freilich hört, dass er mitnichten abgewandt ist oder bleibt.

Es heißt da:
Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? (Sir 35,16-19)

So also macht unser Bibeltext gleich am Anfang deutlich, dass Gott natürlich das Gebet erhört, dass er weder das menschliche Flehen noch die Klage verachtet, während es auf der anderen Seite eben auch solche Zeitgenossen gibt, die das Flehen und die Klage überhaupt erst auslösen.

Das bedeutet: Wir müssen, wir sollen reden. Wir sollen beten.
Das bedeutet aber auch: Wir sollen auf unser Tun achten, wir müssen schauen, dass wir den ohnehin Schwachen in der Gesellschaft nicht überhaupt Anlass geben zur Klage und zum Flehen.
Das bedeutet also: Das Gebet allein wird´s nicht richten. Zum Gebet gehört immer auch unser gerechtes Tun.
Das bedeutet beispielsweise: Wir können nicht nur um die Erlösung von dieser Pandemie weltweit bitten, wir müssen auch dafür sorgen, dass der Impfstoff weltweit ankommt. Ob das durch eine Aufhebung des Patentschutzes erfolgen könnte, sollen die Politiker entscheiden. Aber sie müssen bald und sie müssen im Sinne gerade auch der notleidenden Bevölkerung in den armen Zweidritteln dieser Welt entscheiden.

Zum Gebet gehört immer auch unser gerechtes Tun. Und doch kommt das Gebet an. Wenn es auch dauert. Unser Bibeltext kleidet diese zeitliche Verzögerung zwischen Bitte und Erfüllung in ein eigentlich naheliegendes Bild: In das Bild des großen Abstands zwischen uns auf Erden und Gott im Himmel.
Es heißt:
Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost,
und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält. (Sir 35,20-22a)


Eigentlich logisch: Es braucht seine Zeit, bis unser Bitten im Himmel angekommen ist, bis unser Gebet durch die Wolken hindurch in Gottes Ohr dringt.
Deshalb braucht es Geduld, deshalb sollten wir demütig sein, deshalb sollten wir nicht aufhören mit dem Reden mit Gott. Wir müssen reden!
Wenn wir nicht aufhören mit Reden: Dann kann es geschehen, dass der Himmel aufreißt, dass Gott selbst vom Himmel herabkommt – und kommuniziert. Spricht. Recht spricht. Uns Menschen zugute. Und vor allem denen, die dringend darauf warten, Recht zu erfahren.
Gott, komm, führ uns mit starker Hand, vom Elend zu dem Vaterland.

 

Amen.