Predigt vom 06.06.2021 von Stefan Cohnen

Jona, liebe Gemeinde, Jona ist ein besonderer Prophet.
Freilich: Auch andere Propheten hadern mit dem Anspruch Gottes. Sie wehren ab. Sie zweifeln, ob sie wohl die richtigen sind. Jona aber: Er tut einfach nicht das, was Gott von ihm will.
Seine Vorgänger fügen sich mehr oder weniger klagend in ihren Auftrag. Sie erdulden, was ihnen von den Adressaten ihrer oftmals harten Gerichtsworte widerfährt. Und es ist nicht schön, was ein Amos, was ein Gottesknecht im Buch Jesaja zu ertragen hat.
Jona weiß das. Und er weiß zugleich, was Gott von ihm will.

Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.
Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom Herrn. (Jon 1,1-3)

Jona haut ab. Ninive im Osten, im Zweistromland, liegt genau in der entgegengesetzten Richtung zu Tarsis im heutigen Spanien – und damit am westlichen Ende der damals bekannten Welt. Exakt da will er hin: Ans Ende der Welt: Weit weg vom Herrn.

Aber wie komme ich weg von dem, was mein Auftrag ist? Wie kann ich mich von dem entfernen, wofür ich da bin? Und das muss gar kein explizit prophetischer Auftrag sein. Das ist vielleicht einfach die Notwendigkeit, mit sich, mit den Menschen und der Welt in Frieden zu leben. Achtsam.
Was da zu tun ist, das wissen wir. Wie das zu leben wäre, kennen die Menschen.
Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. (Lk 16,29) So heißt es.
Mose hat uns die Gebote gegeben. Die Propheten haben zur Umkehr aufgerufen – nicht nur die Leute in Ninive.
Wir wüssten, wie ein gottgefälliges Leben aussieht. Wir haben gehört, was menschenfreundliches Handeln ist.
Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. (Röm 7,18) So schreibt es Paulus an einer Stelle. Weil der Wille am Ende erst einmal ein Selbsterhaltungswille ist. Was gar nicht verwerflich ist. Was einfach nur menschlich ist. Wodurch aber das Gute weit weg ist. Und Gott weit weg scheint.

Jona ist jetzt auf dem Schiff in Richtung Tarsis.
Da ließ der Herr einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrien, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde.
Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben.
Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf’s Jona. Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. (Jon 1,4-9)

Da ist er dann doch wieder: Dieser Gott, den Jona doch eigentlich hinter sich lassen wollte. Hinter sich lassen wollte mit dessen Auftrag, mit dessen Ansprüchen, mit dessen Macht.
Und da ist Jona, der mit seinem Willen, selbst unbeschadet aus der Sache herauszukommen, nur umso mehr Schaden anrichtet, nur umso mehr Menschen Unheil bringt. Sie drohen zu kentern, sie laufen Gefahr umzukommen in diesem Sturm.
Der Blick allein nach sich selbst ist verhängnisvoll. Verhängnisvoll für die Mitmenschen, für die Mitgeschöpfe. Der auf sich selbst verkrümmte Mensch: Seit dem Kirchenvater Augustin ist das ein Sinnbild der Sünde. Nabelschau.
„Wenn jeder an sich selber denkt, ist auch an alle gedacht.“ So könnte auch der reiche Mann gedacht haben, der sich in Purpur kleidete und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
(Lk 16,19) Oder der, der heute billigen Sprit haben will – und nach ihm die Sintflut.
Dabei braucht es einen Blick, der über sich selbst, der auch über den eigenen Kirchturm hinausgeht.
Propheten haben einen solchen Blick. Propheten – außer Jona.

Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem Herrn floh; denn er hatte es ihnen gesagt. Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist.
Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. Da riefen sie zu dem Herrn und sprachen: Ach, Herr, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, Herr, tust, wie dir’s gefällt. Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. Und die Leute fürchteten den Herrn sehr und brachten dem Herrn Opfer dar und taten Gelübde. (Jon 1,10-16)

Es ist schon fast anrührend, wie sich die Schiffsleute dagegen wehren, Jona ins Meer zu werfen. Wie sie sich noch einmal in die Riemen legen, um nicht unschuldiges Blut zu vergießen. Um Jona dann doch über Bord zu werfen: Als ein Opfer, das Gott besänftigen möge.
Und tatsächlich: Das Meer beruhigt sich. Der Sturm flaut ab. Als ob das Gottes Wille wäre. Als ob es Gott darum gehen würde, dass ein Opfer dargebracht wird, dass Blut fließen müsste: Jonas Blut.

Aber der Herr ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches
drei Tage und drei Nächte. Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, im Leibe des Fisches. Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land. (Jon 2,1-2.11)

Nein, es fließt kein Blut. Es stirbt keiner. Auch Jona nicht. Denn Gott will kein Opfer, Gott gibt eine neue Chance.
Weshalb Jona lebt. Er lebt im Bauch des großen Fisches. Im Sturm hatte er Gott nicht angerufen. Erst jetzt, am Tiefpunkt seines Lebens, erst jetzt in der Tiefe des Meeres betet Jona.
Ob er mit Überzeugung betet, wissen wir nicht. Jona wird auch später ein mitunter unzufriedener und zweifelnder Zeitgenosse bleiben. Aber immerhin: Er redet wieder. Er redet wieder mit Gott. Und nimmt vielleicht staunend wahr, wie ein anderer tut, was Gott will.
Denn der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.
Am Ende wird ausgerechnet ein großer Fisch zum Vorbild für uns. Weil er hört und danach handelt. Dem Leben zugute.
Amen.